Neue Kunsthalle Zürich/Amrain
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Bildende Kunst in Zürich auf verlorenem Posten?
Vorschläge für eine Neuausrichtung
der Kunstförderung, Reaktion auf das Leitbild 2020-23
Vorauszug Presse
Was ist das Ziel der Neue Kunsthalle Zürich/Amrain?



Die NKZ/A sucht neue Denkansätze für eine nachhaltige Förderung der Bildenden Kunst.
Weshalb will sie das?
Kunsthallen und ähnliche Institutionen sind von der Exekutive durch ein Leitbild an einen Auftrag gebunden. Darin steht aufs Wesentliche zusammengefasst:

Experimentelles und zeitgenössisches Kunstschaffen fördern, präsentieren und zur Diskussion stellen. In Konkurrenz und kunsthistorischer Abgrenzung zu der traditionellen Ausrichtung von Kunstmuseen (in Zürich: Kunsthaus).

Unbeeinflusst von Politik und Gesellschaft, ohne Rücksichtnahme auf religiöse oder weltliche Moral. Besonders wichtig ist - viele Gründungen von Kunsthallen gehen explizit darauf zurück - die Unabhängigkeit vom Kunstmarkt und -handel, vom Geschmack des lokalen Bildungsbürgertus und sie hat auch kritisch gegenüber den Medien zu sein.

Kunsthallen grenzen sich von den Akademien, den Wissenschaften, der Kreativwirtschaft, den pädagogischen Institutionen und der sozialen Arbeit ab. Kunsthallen verhindern die Vereinnahmung und Instrumentalisierung der Kunst durch anders motivierte Kreise der Gesellschaft.
Das klingt doch aber alles sehr gut?

Das sind Qualitätskriterien, die in der Realität anders als gedacht umgesetzt werden. Wer das Angebot der Institutionen prüft, sieht, dass unter dem Mantel der Kunstfreiheit die Institutionen eine Sinn- und Zweckkrise zu verschleiern versuchen, in die sie sich aus Bequemlichkeit unnötig hinein manövriert haben. Ursprung der Krise war eine sehr erfolgreiche kulturpolitische Kampagne und dem damit zusammenhängenden Ausbau des kulturellen Angebots in den Kommunen gegen Ende des 20 Jh.. Diese Erfolgsgeschichte beinhaltete neben einer monetär ausgerichteten Professionalisierung auch die Steigerung des Verwaltungsaufwands sowie eine Institutionalisierung und Bürokratisierung der bisher noch idealistisch, pragmatisch und konkret ausgerichteten Praxis auf kommunaler Ebene.

Dann ist doch alles normal?

Für Künstler ist die Suche nach dem Kern bei der Produktion von Kunst, der aus der traditionellen und professionellen Passion des Berufs stammt, zur eigentlichen Herausforderung geworden. Der Druck, die künstlerische Tätigkeit in die industrielle Produktion und New-Economy Distributionsverfahren einzureihen, kommt von allen Seiten, aber eben auch von Innen heraus.

Die Passion ist das Erbe, die Gegenwart und die Zukunft des einzelnen Menschen und dessen Fähigkeit und spezifische Konstitution im Rahmen seiner kulturellen Entwicklung. Die kulturelle Entwicklung ist eine intersubjektive wie individualistische Angelegenheit. Es ist liberal wie auch sozial. Denn der Grundsatz lautet, dass der Künstler immer die 10te Stimme ist, die sich anders entscheidet/ausrichten muss, als die 9 anderen, die sich einig sind. Dieser Sinn hat einen Nutzen für die Gesellschaft wie für den einzelnen Mensch, es kann die nötige Differenz sein um sich weiterzuentwickeln, aber auch der Halt, um sich an an Erfolgreiches zu erinnern. Sie kommt in die Nähe einer göttlichen Ordnung, pokert mit dem Schicksal und betreibt gerne mal Plasphemie in eigener Sache.
Klingt immer noch gut? Vielleicht etwas romantisch.

Gegenwärtig befinden wir uns in einer postnatürlichen (im Gegensatz, als einst noch die Natur die Menscheit formte) Ära der kulturellen Entwicklung, wir sind gerade mündig geworden und könnten das Haus auch noch verträumt abfackeln. Neben der bekannten ökologischen Problematik taucht unverhofft auch ein psychologisches Problem auf. Die Möglichkeit zur Entwicklung einer hauptsächlich sich selbst förderlichen (egoistischen) ethischen Haltung und der Möglichkeit, sich gleichzeitig zudem die Kompetenz anzueignen, gruppendynamische Prozesse zu verstehen, überfordert den modernen Mensch bisweilen vor allem bei fehlender Übung (Bildung und Erziehung). Mit diesem Spagat in seiner Vorstellungskraft (kognitive Dissonanz) muss der Mensch in Zukunft lernen, besser umzugehen, wie er auch mit dem Phänomen Zeit noch seine Mühe hat, den Lauf der Dinge einfach zu akzeptieren. Er plädiert in seiner Not auf Rechte, die aus seiner Eigenständigkeit und Besonderheit als Mensch abzuleiten seien: fehlerhaften und unsinnigen Zeitvertreib zu betreiben. Für manche die natürliche Bestimmung der Kunst.
Es gibt doch die Kunstwissenschaft, die definiert was Kunst war, ist und sein könnte?

Mit den wenigen Feuilletonseiten, die in den gedruckten Zeitungen noch vorhanden sind, lässt sich kein öffentlicher Diskurs führen. Die wenigen Autoren der Zeitungen wären übermächtig, aber auch überfordert von der Rolle (siehe dazu auch Kommentar von Samuel Blaser). Deshalb wird er einfach ausgeklammert oder verbal geführt, wie früher auf dem Dorfplatz. Je nachdem wo man gerade durchwandert, ergibt sich eine ortsspezifische Meinung. Zum Glück tummeln sich die Studenten und Dozenten der Hochschulen lieber auf Facebook und anderen Sozial-Media-Kanälen. An den Hochschulen reicht es schon, den internen medialen Gerüchteströmungen zu folgen, um sich die fachlichen Eckpfeiler anzueignen. Die Dezentralisierung der Information in unterschiedlichen Clouds kommt den kunstwissenschaftlichen Institutionen entgegen. Jedes kunstwissenschaftliche Institut bediente sich auch vor der Digitalisierung der hauseigenen Ideengeschichte. Der eigene Diskurs und die Selbstreflexion innerhalb des eigenen Ökonomiefelds ist ihnen Antrieb genug, die Zusammenarbeit mit den lokalen Museen ist ein wichtiger Garant für den Berufseinstieg. Weder die Hochschulen noch die kunstwissenschaftlichen Institute wollen daher von einer eine politischen Bringschuld etwas wissen, noch ein Qualitätsmanagement einführen. Die inhaltliche Führung bei relevanten Themen übernimmt stets die Führungsriege, die sich aus den Direktoren der Museen, den Präsidien der Fachkommissionen, diffusen Beiräten und dem universitären Personal zusammensetzt. Schnittstellen zur Praxis der Kunst ergeben sich für die universitären Abgänger ausschliesslich dort, wo sie Praktika im Feuilleton, bei der Kunstverwaltung und bei Kulturförderprojekten ergattern können, also im theoretisch und administrativen Bereich und in einer extremen Abhängigkeit vom Arbeitgeber. Entsprechend unkritisch ist ihr Umgang mit bestehenden Ansichten. Es ist immer erstaunlich zu sehen, wie sich Lehrmeinungen aus dem Studium ein Leben lang halten, obwohl direkt vor den Augen der Abgänger etwas ganz anderes steht und diese persönliche Erfahrung nicht mit der Lehrmeinung übereinstimmt. Um es mit Einstein zu sagen: Man muss nicht erst die Krümmung abwarten, bevor man sieht, was Sache ist, man sollte auch nach der Krümmung suchen. Unzureichende Methodik, mangelndes Qualitätsmanagent und ein grosser Hang zur Vetternwirtschaft bestimmen die Ausbildung und Lehre.

Ein Künstler wirft in NY im 12. Stock Popcorn aus dem Fenster und im Kunstmuseum Thun beginnt eine Foodwaste-Ausstellung, in der neben einer Tomate hinter Glas Hochschulabsolventen Pizzastücke ausstellen, die sie vorab im Müll des Grossverteilers gefunden haben. In einem thailändisch-kongolesischen UNESCO-Kunst-Projekt in Dubai stolpert eine mannsgrosse Maske, fällt auf den Boden, spricht vom Übel der Menschheit: Ressourcenverschwendungsmonster werden über die Menschheit kommen. Hinter ihm eine Anhäufung von Steinen, die die Künstler - in Verbundenheit mit den ausgebeuteten Gastarbeitern - eigenhändig mit einem Jeep aus der Wüste geholt haben. In eine zweiten Performance wird aus den Steinen ein rudimentärer Pizzaofen gebaut. Im Hintergrund hängen bekannte holländische Stillleben mit viel Obst, Gemüse und Tieren. Beim anschliessenden Buffet und viel später in der Hilton-Bar wird geinstagrammt und diese drei Events tauchen alle algorithmisch gesteuert im Social-Media-Account einer WG in Berlin-Potsdam auf, die an diesem Abend gerade einen grossartigen Kurator zu Gast hat. Als Dankeschön für die Gastgeber lässt er sie auf ihrem Grossbildschirm an der Wand an seinem Instagramm-Leben teilhaben und wird Teile ihrer Kommentare als nicht verifizierte Studie in seiner neuen Kolumne - die am nächsten Morgen in den Druck geht - zitieren.

Nette Geschichte, aber was ist nun mit der Geschichte?
Sie soll zeigen, wie zufällig oder manipuliert heute Kunstgeschichte sich wirr fortschreibt. Liberale Politiker meinten einst ihre Toleranz gegenüber der Kunst sei ein Trick um antagonistische Tendenzen in der Gesellschaft zu unterlaufen, also eine clevere Rechnung, wie heute Grün und morgen weniger Steuern (FDP). International gesehen steht die Kunst heute im Dienste einer Befreiungsideologie, wie man das nur aus dem Sozialismus kennt. Allerdings nur in den privilegierten Schichten, die sich auftun, kapitalistische Freiheitswerte einzufordern.
Der Kunstaktivist geniesst auf der ganzen Welt einen guten Ruf, den viele junge Frauen und Männer u. a. anstreben, um dem engen Korsett der Familien oder Staatsreligionen (Ideologie) mit einem ausländischen Studiumsaufenthalt zu entkommen. Die globale Studentenklasse der Generation Digital Natives will etwas gegen Diktaturen und Klassengesellschaften tun und letztlich fordern sie einen gemässigten Liberalismus für ihre Heimatdestinationen. Beides ist legitim, aber wie Zisek es formuliert: sie werden in ihrer konsumistischen Existenz selbst zum Problem, da sie zwischen den unüberbrückbaren Realitäten der unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwürfe nur Verwirrung schaffen. Selbst fliehen sie ja den Konsequenzen und verunmöglichen es, jenen, die sich in ihren Augen ändern sollten, einen eigenen, würdevolleren Weg einzuschlagen, als es in ihren Augen der Konsumismus darstellt. In der Kunstwelt dagegen kommen sie gar nie an, weil ihre Ausrichtung nicht unabhängig der gesellschaftlichen Situation ihres Herkunftsland ist. Im besten Fall sind sie Botschafter einer exotischen Unmöglichkeit, also Darsteller eines emotionalen wie kulturellen Desasters, aber selten bringen sie den Humor auf, sich diesem Schicksal zu ergeben. Deshalb produzieren sie Kunstformen, die die traditionellen Kriterien nicht oder nur zufällig und oft dialektisch erfüllen. Die Vorstellung, dass es möglicherweise nicht genügt, als Autor ein Paradox in sich selbst zu tragen,anstatt vorauszusetzen, dass durch den Herstellungsprozess sich diese Eigenschaft im Werk bildet, geht ihnen ab. Dank den sozialen Medien und ihrer sozialen Stellung kann diese Studentenschar weltweit die Themen ihrer sozialen Gruppe durchsetzten und die jeweiligen regionale Sichtweisen und Traditionen verdrängen.


Welcher Vorteil hat ein Rückschritt?
Die an die Kunst angrenzenden Berufe sind heute begehrte Jobs, sie bieten ein hohes Salär und eine gute Altersvorsorge (immerhin liegt das statistische Durchschnittseinkommen im Kultursektor bei über 6.000.-, wobei in dieser Statistik nicht sichtbar ist, dass jeweils die Gehälter der Kulturbürokratie mit eingerechnet sind. Quelle:JMZ2019). Wenn etwas begehrt ist, kommt auch Personal ins Spiel, das wenig künstlerische Ambitionen hegt. Sie wollen den Status halten oder steigern. Für viele Sparten ist das dennoch ein Gewinn. Die Möglichkeiten werden grösser, weil mehr investiert wird, wenn die Sache bis ins Letzte durchorganisiert ist. Für die Kunst ist das uninteressant. Projekte nähern sich immer mehr den Dissertationen oder Bachelorarbeiten der Hochschulen an. Niemand liest oder schaut sie an, so ähneln sie sich. Der Dozent ist dazu verdammt, aus dem Produkt mit dem Mittel der Sprache etwas herauszuholen "... es ist mein Job, Studenten auf mögliche Wege hinzuweisen", rechtfertigt er sich. Die Studenten wiederholen dann unermüdlich die neu gewonnenen Definitionen. Immer wieder, wie Bibelsprüche oder 20-Minuten-Meldungen. In den Wettbewerben haben diese tragischen Komödien bereits ästhetisch und inhaltlich deutliche Spuren hinterlassen. Das Problem sind Juroren, die diese Bibelsprüche - und damit auch künstlerisch schwache Positionen, unausgereifte Arbeiten - aus den Hochschulen kennen und nicht den Mut haben, die Ware zurückzuweisen. Sie bewerten dann den sozialen Status der Arbeiten höher als die künstlerische Qualität. Sie geben dem Kunstwerk gewissermassen Kredit für die Zukunft. Deshalb wäre ein Rückschritt auch eine Transparency-Massnahme: beeinflusst das Urteilsvermögen und führt zu schlechten Entscheidungen.

Selbstreflektion?
Kunststudenten haben verständlicherweise keine Lust darauf, sich mit den Altvorderen zu messen. Sie wollen ihre eigene Zukunft. Und sie wissen, dass sie die Medien und den Markt auf ihrer Seite haben. Sie müssen nur liefern, egal was.


Samuel Blaser

ist ein Maler und Autor aus Basel

Auszug aus einem noch unveröffentlichten Manuskript. Kommentare an blaser@datacomm.ch

Die Kritiklosigkeit der Kritik

„Überall Sackgassen und Wiederholungsspiralen. Der einzige Ausweg scheint heute eine inflationäre Concept-Art, die faktisch nichts mehr realisiert, nur noch Fingerzeige gibt, die flott mit Fundstücken aus dem Internet hantiert, mithin Zweitverwertung betreibt und moralisiert. Da ist ein neues Denken dringend notwendig. Die Reformen der Moderne müssen ihrerseits reformiert, gegebenenfalls auch revidiert werden. Im 21. Jahrhundert ist die Kunst noch kaum mit dezidierten eigenen Positionen auf die Beine gekommen.“ (Eduard Beaucamp)

Schleichend ist die kritische Berichterstattung über die Kunst in den letzten Jahrzehnten demodé geworden. Konnte anno 1987 Jean-Christoph Ammann noch Beuys, Kiefer, Kounellis und Cucchi zu einem chaotischen Gespräch unter dem Aspekt der beklagenswerten Lage der Kunst vereinen, würde ein solches Ansinnen heute als „kulturpessimistisch“ abgetan, Grund genug dergleichen nicht mehr stattfinden zu lassen. Ebenso ist der Anteil der Kunstkritik in Medien geschrumpft und „Kunstkritiker“ ist kaum ein Berufsbild mehr, da jeder, der über bildende Kunst schreibt, seinen Auftraggeber nicht in Frage stellen kann und somit einen uninteressant-affirmativen Stil pflegen muss, der zur Verklärung neigt. Ein Ressentiment gegen jede Form von Ressentiment ist entstanden. Das liegt an einer ängstlichen Grundstimmung: Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle bei einer Kunstinstitution und Angst der freien Künstler, in der Szene aufzufallen als jemand, der sich durch eine kritische Äusserung angreif- und somit ausschliessbar macht. Das führt zu einer bemerkenswerten Art der Homogenisierung, in der nicht ästhetische Gesichtspunkte an erster Stelle stehen, sondern Fragen des Networking und des monetären Fortkommens. Kunstanlässe werden so zu harmlosen Partys mit sektiererischem Anstrich, da nur so getan wird, als ginge es um die Sache. Nur Insider wissen, dass dem so ist und eine Änderung nicht erwünscht wäre. Dabei gäbe es genügend kritische Gesprächsthemen, wie die ikonoklastische Tendenz, die sich im Neokonzept, in dokumentarisch und sozialpolitisch motivierter Kunst breit macht, wie das Fehlen eines existenziellen Standpunktes, der ein Anknüpfen an die eigene Erfahrung, an das „gewöhnliche“ Leben ermöglichte. Kunst bezieht sich zunehmend auf unüberprüfbare, der Allgemeinheit nicht zugängliche oder komplexe wissenschaftliche Themen, Informationen oder Strategien, die die wirklichen Begegnungen und Phänomene, die ein Menschenleben ausmachen eher in Vergessenheit geraten lassen. Deswegen hinterlassen viele Kunstwerke heute den Betrachter sprachlos. Der Mensch als symbolisches Wesen, das bewegliche Werte braucht, die mittels ästhetischer Erkenntnis hervorgerufen werden, wäre der andere Ansatz an das Potenzial der Kunst. Ein Kriterium, welches dafür spricht, ist: Wenn es eine Kunst gibt, über die wieder lebhaft gesprochen wird, die kritische Berichterstattung erblühen lässt, die Positionen neu bewertet und tatsächlich – nicht als Lippenbekenntnis – die Wahrnehmung sensibilisiert und erweitert, die ästhetische mit existenzieller Erfahrung verbindet – dann wäre die gegenwärtige ängstliche Nonchalance überwunden.