Was ist das Ziel der Neue Kunsthalle Zürich/Amrain?


Die NKZ/A sucht neue Denkansätze für eine nachhaltige Förderung der Bildenden Kunst*.
* Wir benutzen den Begriff Bildende Kunst. Visuelle Kunst kann technisch etwas weiter greifen, inhaltlich werden aber bspw. die konzeptionellen Ansätze der Stile dadurch stark vernachlässigt.
Weshalb will sie das?

Kunsthallen und ähnliche Institutionen sind von der Executive durch ein Leitbild an einen Auftrag gebunden. Darin steht aufs Wesentliche zusammengefasst:

- Experimentelles und zeitgenössisches Kunstschaffen fördern, präsentieren und zur Diskussion zu stellen. In Konkurrenz und kunsthistorischer Abgrenzung zu der traditionellen Ausrichtung von Kunstmuseen (in Zürich: Kunsthaus).

- Unbeeinflusst von Politik und Gesellschaft, ohne Rücksichtsnahme auf religiöse oder weltliche Moral. Besonders wichtig ist - viele Gründungen von Kunsthallen gehen explizit darauf zurück - die Unabhängigkeit vom Kunstmarkt und -handel, vom Geschmack des lokalen Bildungsbürgertums und sie hat auch kritisch gegenüber den Medien zu sein.

- Kunsthallen grenzen sich von den Akademien, den Wissenschaften, der Kreativwirtschaft, dem pädagogischen Institutionen und der sozialen Arbeit ab. Kunsthallen verhindern die Vereinnahmung und Instrumentalisierung der Kunst durch anders motivierte Kreise der Gesellschaft.
Das klingt doch aber alles sehr gut?

Das sind Qualitätskriterien, die in der Realität anders als angedacht umgesetzt werden. Wer das Angebot der Institutionen prüft, sieht, dass unter dem Mantel der Kunstfreiheit die Institutionen eine Sinn- und Zweckkrise zu verschleiern versuchen, in die sie sich aus Bequemlichkeit unnötig hinein manöveriert haben. Ursprung der Krise war eine sehr erfolgreiche kulturpolitische Kampagne und dem damit zusammenhängenden Ausbau des kulturellen Angebots in den Kommunen gegen Ende des 20 Jh.. Diese Erfolgsgeschichte beinhaltete neben einer monetär ausgerichteten Professionalisierung, auch die Steigerung des Verwaltungsaufwand sowie eine Institutionalisierung und Bürokratisierung, der bisher noch idealistisch, pragmatisch und konkret ausgerichteten Praxis auf kommunaler Ebene.

Dann ist doch alles normal?

Für Künstler ist die Suche nach dem Kern bei der Produktion von Kunst, der aus der traditionellen und professionellen Passion des Berufs stammt, zur eigentlichen Herausforderung geworden. Der Druck, die künstlerische Tätigkeit in die industrielle Produktion und New-ökonomy-Distributionsverfahren einzureihen, kommt von allen Seiten, aber eben auch von Innen heraus.

Die Passion ist das Erbe, die Gegenwart und die Zukunft des einzelnen Menschen und dessen Fähigkeit und spezifische Konstitution im Rahmen seiner kulturellen Entwicklung. Die kulturelle Entwicklung ist eine intersubjektive wie individualistische Angelegenheit. Es ist Liberal wie auch Sozial. Den der Grundsatz lautet, dass der Künstler immer die 10te Stimme ist, die sich anders entscheidet/ausrichten muss, als die 9 anderen, die sich einig sind. Dieser Sinn ergibt eine Kompetenz zugunsten die Gesellschaft wie das Schicksal für die gesamte Menschheit, es kann die nötige Differenz sein um sich weiterzuentwickeln, aber auch der Halt um sich an an Erfolgreiches zu erinnern. Sie kommt in die Nähe einer göttlichen Ordnung, pokert mit dem Schicksal und betreibt gerne mal Plasphemie in eigener Sache.
Klingt immer noch gut? Vielleicht etwas romantisch.

Gegenwärtig befinden wir uns in postnatürlichen Ära der kulturellen Entwicklung, wir sind gerade mündig geworden und kötnnen das Haus auch abfackeln. Neben dem bekannten ökologischen Problematik taucht unverhofft auch ein psychologisches Problem auf. Die Möglichkeit zur Entwicklung einer hauptsächlich sich selbst förderlichen (egoistischen) ethischen Haltung und der Möglichkeit gleichzeitig sich zudem die Kompetenz anzueigen gruppendynamische Prozesse zu verstehen, überfordert den Modernen Menschen bisweilen, vor allem ohne Übung (Bildung und Erziehung). Mit diesem Spagat in seiner Vorstellungskraft (kognitive Dissonanz) muss der Mensch in Zukunft lernen besser umzugehen ,wie er auch mit dem Phänomen Zeit noch seine Mühe hat, den Lauf der Dinge einfach zu akzeptieren. Er plädiert in seiner Not auf Rechte, die aus seiner Eigenständigkeit und Besonderheit als Mensch abzuleiten seien: fehlerhaften und unsinnigen Zeitvertreib zu betreiben. Für manche die natürliche Bestimmung der Kunst.
Es gibt doch die Kunstwissenschaft, die definiert was Kunst war, ist und sein könnte?

Mit den wenigen Feuilltonsbeiträgen, die in der gedruckten Zeitungen noch vorhanden sind, lässt sich keine öffentlicher Diskurs führen. Entsprechend wären die wenigen Autoren der Zeitungen Allmächtig, wenn sich nicht die digital native User lieber auf ihren Kanälen tummeln würden. Selbst an den Hochschulen reicht es, den internen Gerüchteströmungen zu folgen, um sich die sozial wichtigen fachlichen Eckpfeiler anzueignen. Die Dezentralisierung der sozial wichtigen Informationen läuft dem Trend an den Kunstinstitutionen entgegen und liefert ihnen die gewünschte ihre Indifferenz-Ware, die sie dann beleibig beschrieben. Auch die Kunstwissenschaft bedient sich vorab ihrer hauseigenen Ideengeschichte, der Diskurs und die fachliche Selbstreflexion ist das Antriebsmodell. Weder die Hochschulen noch die kunstwissenschaftlichen Institute kennen eine Bringschuld oder eine Kontrollfunktion an. Schnittstelle zur praktisch ausgeführten Kunst, ergibt sich nur dort, wo Praktikas im Feuillton, bei der Kunstverwaltung und bei Kulturförderprojekten anfallen. Entsprechend naiv und idealistisch,unkritisch und dennoch karrierebewusst laufen die ersten Gehversuche ab.Es ist immer erstaunlich zu sehen wie sich die Lehrmeinungen aus dem Studium halten, obwohl direkt vor ihrem auge etwas ganz anderes steht. Um es mit Einstein zu sagen: Man muss nicht erst die Krümmung abwarten, bevor man sieht was Sache ist, man sollte auch nach der Krümmung suchen. Unzureichende Methodik und mangelndes Qualitätsmanagent in den Kunstwissenschaften sind Anzeichen der Krise. Angebot und Nachfrage, Protektionismus und Vorteilsnahme bestimmen die fremdartige Landschaft.

*Mit den neuen Medien setzen wir uns nicht auseinander, sie sind ebenso nicht signifikant, wie die gedruckten Kommunikationswege. Wir setzen auf die qualitative lokale Rezeption, die die Meinung eines einzelnen Autors wiederspiegelt. Ein Künstler wirft in NY Popcorn im 12. Stock aus dem Fenster und im Kunstmuseum Thun beginnt eine Foodwaste-Ausstellung, in der neben einer rot'schen Tomate hinter Glas Hochschulabsolventen ihre Pizzastücke ausstellen, die sie vorab im Müll des Grossverteilers gefunden haben. In einem thailändisch-kongolesischen UNESCO-Kunst-Projekt in Dubai stolpert eine mannsgrosse Papmaché-Maske, fällt auf den Boden, spricht von dem Übel der Menscheit: Ressourcenverschwendungsmonster werden über die Menscheit kommen. Hinter ihm eine Anhäufung von Steinen, die die Künstler - in Verbundenheit mit den ausgebeuteten Gastarbeitern - eigenhändig mit einem Jeep aus der Wüste geholt haben. In eine zweiten Performance wird aus den Steinen ein rudimentärer Pizzaofen gebaut. Im Hintergrund hängen bekannte holländische Stilleben mit viel Obst, Gemüse und Tieren.
Anmerkung der Redaktion. So oder ähnlich lief es dann im deutschen Pavillion in Venedig Ausgabe 2019 ab.
Beim anschliessenden Buffet und viel später in der Hilton-Bar wird geinstagrammt und diese drei Events tauchen alle algorythmisch zusammen gesteuert im Social-Media-Account einer WG in Berlin-Potsdam auf, die an diesem Abend gerade einen grossartigen Kurator zu Gast hat. Als Dankeschön für die Gastgeber lässt er sie auf ihrem Grossbildschirm an der Wand an seinem Instagramm-Leben teilhaben und wird Teile ihrer Kommentare als nicht verifizierte Studie in seiner neuen Kolumne - die am nächsten Morgen in den Druck geht - zitieren.
Nette Geschichte, aber was ist nun mit der Geschichte?
Sie soll zeigen, wie zufällig oder manipuliert heute Kunstgeschichte sich wirr fortschreibt. Liberale Politiker meinten einst ihre Toleranz gegenüber der Kunst sei ein Trick um antagonistische Tendenzen in der Gesellschaft zu unterlaufen, also ein clevere Rechnung, wie heute grün und morgen weniger Steuern. International gesehen, steht die Kunst heute im Dienste einer Befreiungsideologie, wie man das nur aus dem Sozialismus kennt. Allerdings nur in den priveligierten Schichten, die sich auftun, kapitalistische Freiheitswerte einzufordern.
In diesen Ländern ist das Kunstschaffen im Mitttelstand äusserst beliebt geworden, was vor allem auch junge Frauen anstreben um den engen Korsett der Moral und Religion mit einem Studiumsaufenthalt zu entkommen, um der globale Klasse der digital native Generation zugehörig zu sein. Etwas gegen Diktatur und Klassengesellschaft vor Ort zu tun, bedingt viel Zivilcourage und eine zu bewundernde politische Überzeugung. Aber wieso hat diese individuelle Stärke etwas mit Kunst zu tun? Sind diese hausbackenen, imaginären und abstrahierten Kunstformen in diesem Falle nicht einfach nur ein Schutzschild und ein Alibi um die Repressionen der Staaten oder der Gesellschaften auf die eigenen Familie und sich selbst zu umgehen? Ist es diese individuelle Freiheit von Bessergestellten wert, die kulturellen Werte, die mit der Kunst verbunden sind, einfach manipulieren zu lassen? Und wieso ignoriert die Kunstwissenschaft den Einfall dieser inhaltlich manipulierten und visuell leblosen Masse in ihre Schulbücher? Etwa aus Altersmilde?
Die Kunstgeschichte ist so manipulativ wie das Ranking von Youtube, also nur eine Fahne im Wind. Was Marketingstrategen und Chief Executive Officers (CEO) von den grossen Kunsthandlungen aus den Finger saugen, landet über die Messen in den Museen und an den Lehrstühlen. Die Professoren und Dozenten der Universität ziehen sich zurück auf altbekannte Positionen aus dem Kanon und hoffen darauf von der Welle nicht auch weggespült zu werden. Argumentationsnotstände werden mit dem Unschärfeklebeband - dem philosophischen Institut - verklebt, denen niemand genau zuhört, aber ungemein beruhigend wirken. Was die künstlerischen Würdenträger einer lokalen Szene aushecken, bleibt meist 35 Jahre, bis diese ins Altersheim eintretten, bestimmend. Sie bestimmen auch ihre Nachfolger und unterstützen nur diejenigen, die Sorge zu ihrem Erbe tragen. Die Kunstgeschichte war früher ein im Abseits abgewickelter Vorgang von dominanten Figuren, die verstreut über die kapitalistische Welt lebten. Schon heute ist zu beobachten, wie die auflagestärksten Kunstpublikationen einen kunsthistorischen Kanon prägen, der mit Preisetiketten geschmückt ist. Im Prinzip wird diese Schwäche in der Datenlage der wissenschaftlichen Kunstinstitutionen irgendwann eine Kontrollinstanz voraussetzen müssen. Aber vielleicht müssen wir damit leben, dass es mit der Wissenschaft der Kunstgeschichte nicht mehr weit her ist und zurückkommen auf eine essentiellere Kommunikationen über Kunst.
Welcher Vorteil hat ein Rückschritt?
Die an die Kunst angrenzenden Berufe sind heute begehrte Jobs, sie bieten ein hohes Salär und eine gute Altersvorsorge. Wenn etwas begehrt ist, bringt sich auch Personal ins Spiel, das wenig künstlerische Ambitionen hegt. Sie wollen nur den erreichten Status halten oder steigern. Für viele Sparten ist das dennoch ein Gewinn. Die Möglichkeiten werden grösser, weil mehr investiert wird, wenn die Sache viel kostet und bis ins Letzte durchorganisiert ist. Für die Kunst ist das uninteressant. Projekte nähern sich immer mehr den Dissertationen oder Bachelorarbeiten der Hochschulen an. Niemand liest oder schaut sie an, so ähneln sie sich, nur der Pädagoge oder Dozent ist dazu da, daraus etwas herauszuholen, gnädig zu sein. Bei vielen Wettbewerben hat sich dieser pädagogische Formalismus bereits ästhetisch und inhaltlich durchgesetzt. Das Problem sind die nicht unabhängigen Juroren, die diesen Formalismus - also eigentlich künstlerische Schwäche, weil die Arbeiten nicht ausgereift sind - aus den Schulen kennen, z. B. als Gastdozenten. Um es sich leichter zu machen oder um die Konkurrenz auszuschliessen werten sie dann den formalen Rahmen höher als die künstlerische Qualität. Sie geben dem Kunstwerk gewissermassen Kredit für die Zukunft, was früher bei Wettbewerben nur der Fall war, wenn einem Talent offensichtlich die Ungeduld einen Streich gespielt hatte; heute sind alles unglaubliche Talente! Die Juroen könen sich auch darauf verlassen, dass es die nächste Jury gleich machen wird - die Bologna-Reform hat dafür gesorgt. Deshalb wäre ein Rückschritt auch eine Transparency-Massnahme: ... beeinflusst das Urteilsvermögen und führt zu schlechten Entscheidungen.
Selbstreflektion?
Kunststudenten haben verständlicherweise keine Lust darauf sich mit den Altvorderen zu messen. Sie wetten lieber auf ihre eigene Zukunft. Und sie wissen, dass sie die Medien und den Markt auf ihrer Seite haben. Sie müssen nur das System zu erhalten indem sie liefern, egal was. Nicht nur das erinnert an den Darwinismus, der offenbar in der Gesellschaften Fuss fasst. Er war vorher nie da, ist auch widerlegt, weil das natürliche biologische System komplexer ist. Für den menschlichen Geist scheint es aber die Option zu sein, die Kunst dagegen nicht.

* Wir benutzen den Begriff Bildende Kunst. Visuelle Kunst kann technisch etwas weiter greifen, inhaltlich werden aber bspw. die konzeptionellen Ansätze der Stile stark vernachlässigt.

Stand: 09.06.19


Das Projekt NKZ/A läuft bis Ende 2019. Kontakt: info@neuekunsthalle.ch