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Kapitel 1. Die Ausganslage

1.a.1. Interview mit der Stadtpräsidentin
1.b.1. Kulturpolitik der letzten Dekaden
1.b.2. Moralisches Verbot
1.b.3. Politische Vereinnahmung
1.b.4. Die Einflüsterer
1.b.5. Geschichtsverfälschung




Interview mit der Stadtpräsidentin

Von Daniel Wadsworth





Wadsworth: Sehr geehrte Frau Mauch. Was läuft falsch?

Mauch: Es gibt da einen leisen Konflikt zwischen den Ansprüchen. Aber das ist politische Realität, es ist völlig normal in einer westlichen Exekutivbehörde, kleine Interessenzirkel zu ignorieren, wenn sie nicht dazu in der Lage sind, einen grossen Schatten zu werfen oder es volkswirtschaftliche Gründe für ihren Protest gibt. Das ist schade, aber die Welt ist nun mal zu komplex, um für jeden sein Gärtchen zu bestellen.

Wadsworth: Die Stadt will für das Kapital die Akkumulationsbedingungen verbessern – wie sie es gerne öffentlich kundtut – und lenkt Gelder um, die eigentlich der Kultur zuständen. Nicht zu vergessen, dass viele Techfirmen gar keine Steuern bezahlen, wie die Mehrheit der Künstler – wieso also werten, Frau Mauch. Gemäss dem Wirtschaftspapier Ihrer Partei kann man gegen das Kapital nicht gewinnen – aber einfach aufgegeben!? Die Kultur hat doch einen wesentlichen Anteil an der Gesellschaft: wäre der Kommunist ohne die Kultur zum Sozialdemokrat geworden, würde der Nazi immer wieder den Weg zurück ins SVP-Lager finden?

Mauch: Falsch. Wir haben nur gesagt, dass die ökologisch saubere Industrie (Stand 2008) in Zürich einen attraktiven Standort finden soll. Einlenken müssen wir gegenüber Kritikern (2010) da, wo wir anerkennen müssen, dass eine Problematik mit dem Strombedarf besteht, in der ökologischen Bilanz der digitalen Industrie. Diese Branche – glauben wir – ist aber initiativ genug, um originelle Lösungen zu finden – auch über ihren berufsspezifischen Tellerrand hinaus. Beispielsweise gerade bei den Reproduktionsverfahren von Kunstwerken und bei der Vermittlung dieser Inhalte, die zu einer Verbesserung der Toleranzschwelle aller Bevölkerungsteile führen könnte.

Wadsworth: Das bringt mich zurück zu den Sammlungen Bührle und Co im Kunsthaus. Es klingt diedoch nach einem schlechten Geschäft und einseitigen Vorteilen. Wer berät Sie denn eigentlich in Sachen Kunsthaus und wer schätzt die Sammlungswert und Kosten für die Restauration der Gemälde und anderen Leihgaben? Wäre es demnach nicht sinnvoll, New-Economy-Experten die Bücher prüfen zu lassen und Algorithmen nach verdächtigen Geschäften suchen zu lassen oder einfach externe unabhängige (branchenfremde) Experten einzuladen?

Mauch: Die Kunst ist ein traditionelles Business. Da geht es um Erfahrung und Wissen, und vor allem um die Beziehungen, die jemand haben muss, um Sponsoren und Donatoren für grossartige Ausstellungsprojekte wie etwa Picasso zu gewinnen. Es steckt immer noch mehr altes Geld in der Zürcher Kunst, als neues. Wenn sich das geändert hat, sehen wir weiter.

Wadsworth: Wenn die Kreativitätsförderung das (kulturelle) Ziel verfehlt hat oder sehr einseitig auf wirtschaftliche Interessen fokussiert, so entsteht daraus zwangsläufig ein Mangel – selbst dann, wenn er noch nicht näher beziffert oder lokalisiert werden kann? Dort, – wo schon Mangel herrschte, bei den klassischen Kunstdisziplinen, wird der Schaden immens sein, vielleicht über den point of no retourn hinaus, isn`t?

Mauch: Maybe, but .... in der Tat gibt es partiellen Handlungsbedarf zur Förderung von alternativen Projekten. Ich denke da an die Shedhalle, wo seit Jahrzehnten gute Arbeit geleistet wird, die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Schweizer Kunst hat. Zürich hat viele berühmte Künstler*innen. Die Klassik kommt auch nicht immer zu kurz. Die Kunsthalle hat mit uns vereinbart, dass sie junge Kunst fördern wird, in einem speziellen Gefäss – wenn auch ... mh ... vielleicht, ist dass nicht so das klassische Handwerk, wie sie es meinen ... ich durfte gerade eine Vorprogrammierung sehen, sie ist eher nach meinem Geschmack und Ihr Pech.

Wadsworth: Kein Pech ... es ist doch das Glück des Kunsthauses das wenige zu erfahren, Sterblichen wird dies selten widerfahren ... Zurück zur Realwirtschaft: durch die Kreativitätsindustrie steigen die Lebens- und Arbeitsraumkosten lokal stark an. In Berlin, New York, Paris, London und Wien ist das seit Jahrzehnten zu beobachten. Dadurch verlieren die Künstler ihre innerstädtischen Treffpunkte und ihre soziale Dynamik, die sie benötigen, um dem globalen Kunstmarkt etwas entgegnen zu können. Was wollen Sie hier tun?

Mauch: Wir tun unser Bestes. Wir haben die Vergabe für Atelierräume professionalisiert – immerhin an die 190 Ateliers. Mit dem Herderareal können wir Zwischennutzungen anbieten, fast 1000 m2. Aber grundsätzlich geht es darum, dass weltweit die urbanen Zentren ihre sozialen und öologischen Werte angleichen. Das bedeutet in der Folge eine Abgrenzung gegenüber den ländlichen Gebieten und Gesellschaften. Die Solidarität mit diesem Aussenraum wird ersetzt durch eine Gruppendynamik, die in den Quartieren der Städte entstanden ist und ihre Energie aus der Kommunikation in den Sozialen Medien zieht, den Digital-Nativ-Generationen. In den ländlichen Gebieten wird die digitale Kommunikation ebenso exzessiv genutzt wie sie essenziell ist in der Abgeschiedenheit, gleich also wie in der dichten, anonymisierten Stadt (dort in der Stadt, wo man die unittelbaren Nachbarschaft nicht kennt). Dadurch wiegen wir die realpolitische Inkorrektheit des demokratischen Ist-Zustandes etwas auf. Früher war das vielleicht rührend, heute ist die Ignoranz der gesellschaftlichen Ohnmacht aus demokratischen Gründen völlig inakzeptabel. Es ist deshalb eine erfreuliche Tendenz da hin zur Gegenwartspolitik. Aktivitäten finden im Hier und Jetzt statt. Also direkt zugunsten jener Leuten und Familien, die gerade im Netz präsent sind. Das ist auch Kulturleistung und sie bewegt mehr, als es Kunst je getan hat, isn't?

Wadsworth: Frau Mauch, temporär ist – wie sie zu wissen scheinen – nicht immer gut für die Kunst. Immerhin und her verträgt das Handwerk schlecht, vor allem die klassischen Disziplinen brauchen Konstanz. Keine Angst, dazu beizutragen, dass sie diese nebenbei ausmustern?

Mauch: In Berlin werden die Elektrovelos der Künstler subventioniert. Damit überbrücken sie die Distanzen zwischen Wohn-, Arbeitsort und Atelier. Das ist wirklich innovativ und deckt sich mit den Ideen aus dem Wirtschaftsbereich. Und es kostet die Stadt fast nichts! Solche Synergien müssen die Künstler und Künstlerinnen suchen. Es besteht die Wahrscheinlichkeit – so habe ich gelesen – dass die klassische bildende Kunst auch einfach zu elitär ist. Sie richtet sich zwar an alle Mitgleider der Gesellschaft, aber nicht jeder hat Talent. Sie grenzt aus! Politisch ist das heute keine gute Position, um Forderungen zu stellen, selbst in dem seltenen Fall, wo die Kunst die Leute dazu befähigt, Gutes zu tun.

Wadsworth: Eine heikle Frage, die sie nicht allzu persönlich nehmen sollten. Sie sind ja eine Vetreterin der LGBQT-Bewegung, die von den kulturellen Experimenten und Entwicklungen des 20 Jh. profitiert hat. Sollten Sie da nicht etwas zurückgeben, indem Sie der Kunst ihre Freiheit ausserhalb des beherrschenden Millieus gewähren, anstatt ihr Denkverbote und Formalismen zu bescheren?

Mauch: Das tun wir doch. Wir sind – und dazu gehört nicht nur die LGBQT-Gemeinde, sondern alle Wähler und Wählerinnen – noch längst nicht fertig mit dem Kampf um Gerechtigkeit. Die Titanen der Welt, die Konzerne und ihre Kader müssen politisch mehr Verantwortung übernehmen, danach schauen wir dann, was für die Kunst noch übrigbleibt.

Wadsworth: Zum Herderareal. Das Gebäude der Migros dient heute als Lager für die Theaterleute. Andere Räume sind der Kreativindustrie (ZHDK) zur Verfügung gestellt worden. Ein paar Räume stehen zudem der Vereinigung Artists in Residence zur Verfügung, deren Ideale heute nicht mehr unumstritten sind. Betreut werden sie von Professoren der ZHDK und zwar ohne vorausgehende Qualitätsprüfung – ein nettes Plauderstündchen auf Kosten welchen Budgetpostens? Durchdachte Förderung sieht doch etwas anders aus?

Mauch: In den neuen Genossenschaftsüberbauungen bieten wir ebenfalls Ateliers an. Direkt bei den Leuten zu sein, muss für Künstler und Künstlerinnen sehr spannend sein. Das sagen mir die betreffenden KuratorInnen, die sich überall in der Stadt ausgebreitet haben. Analog zu den Quartierzentren, die neue kleinräumige und interessennahe kulturelle Aktivitäten der Quartierbewohner unterstützen.

Wadsworth: Mit Bastelräumen reduzieren Sie doch nicht den existenziellen Druck auf die Künstler. Es sieht eher nach zufälligen Gelegenheiten aus, die Sie politisch günstig nutzen. Das ist legitim. Aber die Frage bleibt: Wann ändert sich etwas? Wenn man die Dezentralisierung fördern will, benötigt man auch Leuchttürme wie das Kunsthaus nicht. Sonst sieht es nach Klientelbewirtschaftung aus, die kleine Brote an die quengeligen Kleinen verteilt und den Aufschnitt (oder 5-Sterne-Veganburger) für sich selbst, behält.

Mauch: Sie können nicht die einen gegen die anderen ausspielen!? Das ist unfair. Wir arbeiten nach politischen Realitäten. Die sind manchmal unscharf und manchmal müssen auf magistraler Ebene verschiedenen Dinge zusammengebunden werden, um etwas bewirken zu können. Idealistische Ideen sprengen den realen Rahmen des Möglichen, hörte ich es jüngst im Pfauen zwittern ... äh ... zwitschern.

Wadsworth: Schlussfragerunde: 1. Die Erweiterung des Kunsthauses ist eine Fördermassnahme für die Künstler?

Mauch: Sie sind ein Zyniker, männlich, nehme ich an. Nein. Natürlich nützt das den Künstlerinnen nur am Rande. Aber rechnen Sie die kommenden höheren Betriebskosten mit den Einsparungen bei den Investitions- und Restaurationskosten für den Bau und das Quartier auf, dann wirft die Sache in ein paar Jahren keinen Gewinn, aber auch keinen Verlust ab. Es gibt aber dann die Möglichkeit, dass das Kunsthaus sich durch die räumliche Ausdehnung bei der Förderung lokaler Kultur aktiver einsetzen kann. Dieses Angebot hat die Kunstgesellschaft bereits ausgesprochen – ich sagte das bereits Eingangs des Gesprächs.

Wadsworth: Sie erhöhen die Beiträge für die freien Ausstellungsräume. Sie wollen damit die beliebten Off-Spaces in den Quartieren unterstützen. Was erhoffen Sie sich davon?

Mauch: Es ist wichtig, dass die Künstler sich selber organisieren und – wenn auch im kleinen Rahmen – Ausstellungsmöglichkeiten erhalten um ihre Werke zeigen zu können. In den grossen Häusern ist dafür einfach (noch, siehe Kunsthaus) kein Platz. Damit meine ich auch das Helmhaus, wo sich die ambitionierte avantgardistische Kunstelite der Stadt trifft. Ich verstehe davon nicht viel, aber ich schätze den Ansatz als Linke sehr. Intern wird oft darüber diskutiert, wie wir das Helmhaus und die Shedhale inhaltlich deutlicher definieren können. Bisher gab es keine guten Vorschläge, die mich überzeugt hätten. Es besteht aber zur Zeit auch keinen Handlungsbedarf. Die jeweiligen Leitungsteams machen ihre Sache gut, die Besucherzahlen steigen kontinuierlich an.

Wadsworth: Ihre Äusserungen treffen viele ältere Künstler ins Mark. Die glauben nähmlich noch an Good Governance, an die Transparenz und an ihre reale Chance im Helmhaus oder in der einst ruhmreichen Shedhalle ausstellen zu können und das nicht nur in einer Alibi-Retrospektive nach ihrem Tod. Sie würden sie anbrüllen: von wegen Themen, über die dort alle quasseln, wie Tod, Vertreibung, Opfer, Gender. Kennen wir nicht nur von Youtube-Videos! Unsere Eltern oder Grosseltern haben uns etwas mitgegeben, was man wirklich gelebte Geschichte nennen darf. Und diesem Fundus dieser Transformationspraxis einer gelebten Geschichte verwehren Sie Förderung. Sonst halten Sie es doch immer mit den Opfern?

Mauch: Tut mir leid, Daniel, ich muss jetzt zurück in den Saal. Nehmen Sie es sportlich. Als man das Rad erfunden hatte, trug man die Lasten auch nicht mehr auf dem Rücken. Und noch das! Sie wissen, dass nicht die Opfer im Fokus der Politiker stehen. Es sind die medienwirksamen Looser, die wir aufrichten. Mädchen und kleine Jungs, herzige Kätzchen, die mit ihrem Empathiebonus politische Stimmen generieren. Letztlich arbeite ich in einem kreativen Beruf und verglichen mit der Kunst ist die politische Realität weitaus komplexer als der Maler und seine Sujets. Politische Macht ist ein Seiltanz und streift das Überhebliche wie die Eleganz wie in jeder guten künstlerischen Darstellung.

Wadsworth: Noch eine letzte Bemerkung Frau Mauch, oder besser liebe Corine. Welchen Rat gibst du den Künstlern auf den Weg? Nicht mehr so jung und smart, schlecht ausgebildet in einem hoffnungslosen Bereich, in der Einöde des ausgedienten Spezialisten? Ist ihre einzige Option, sich mit den über Jahrzehnte und mit Sorgfalt entwickelten Arbeiten in Quartierzentren mit Kindern zu messen? Wenn ihnen der Zugang aus den diskriminierenden Gründen – die ich vorher aufgezählt habe – verwehrt wird? Wenn sie ihre klassischen Arbeiten nicht regelmässig auf einem ansprechenden Niveau zeigen können, um in relevante Konkurrenz zu kommen, die ihre Entwicklung schärft? Was sollen diese tun?

Mauch: Die Stadt Zürich sieht sich als grösste Schweizer Stadt in einer besonderen kulturpolitischen Verantwortung. Kulturförderung ist für den Stadtrat eine zentrale öffentliche Aufgabe. Sie garantiert Vielfalt, hohe Qualität und die Möglichkeit des Experiments, des Scheiterns und des Neuanfangs.
Wadsworth: Wir danken für das Gespräch
1.b.1.
Kulturpolitische Bewegungen der letzten Jahrzehnte



b.1.1. Die ökonomische Falle


In den 1990er Jahren haben sich viele künstlerische Bewegungen auf lokaler Ebene etabliert und sind mittlerweile institutionalisiert und durchstrukturiert, wenn auch in bescheidenem wirtschaftlichen Rahmen. Experimentelle Projekte wie Off-Spaces und kleinere Performancefestivals haben den Hang dazu, mit der Zeit professionellere Strukturen einzufordern. Sie schaffen damit Arbeitsplätze, ergänzen das städtische Kulturangebot und decken ein grosses Bedürfnis ab. Viele dieser Projekte werden von den Medien gefeiert und setzen ihre Forderung politisch auch durch, sofern sie genügend Support aus der Verwaltung und dem Establishment erhalten. Leider entsteht dadurch immer eine wirtschaftliche und inhaltliche Abhängigkeit, die Einfluss auf die Programmierung hat und sich im Selbstzweck verliert, wie sie sich auch opportunistisch gegenüber den Geldgebern verhält, in den meisten Fällen also gegenüber den Kulturämtern. Sie mutieren also zum konservativen Muster, wie ihre anfänglichen Antipoden. Das Phänomen von Wachstum und Leerlauf ist in Firmen und Verwaltungen bekannt. Ein Mittel dagegen war bisher immer die Beschränkung der Mandatszeit, welche selten konsequent durchgesetzt wurde, da es lokal an kompetentem und verfügbarem Personal mangelt. Geeigneter wäre es, zyklisch in einem offenen Plenum die Inhalte und Ziele zu erneuern und damit zu gewährleisten, dass externe Stimmen und Kritiken gehört werden. Dafür braucht es maximale Transparenz, die man bei Kulturschaffenden immer voraussetzen sollte und einfordern kann, man muss nur nachfragen. Transparenz ist eine Sache der Überzeugung und der Kompetenz, wer die in der Sache nicht hat, sollte keinen Lead übernehmen. Das heisst auch: Würden die grossen Institutionen sich ebenfalls regelmässig transparent neu ausrichten – mit Mitwirkung der Opposition – müssten sich erst gar keine Gegenkräfte aufstellen, die dann nur dazu da sind, in die gedankliche und emotionale Lethargie, die Nebenwirkung des Konsumismus, etwas Spannung hineinzubringen. Sieht eine effiziente Steuerung der Förderung nicht anders aus?!

b.1.2. Moralisches Verbot


Die Professionalisierung des kulturellen Angebots (Aufwertung der Tätigkeiten durch höhere Berufsreputation/Ausbildung) schreitet voran und arbeitet gegen die freie Szene. Jede neu institutionalisierte Bewegung reduziert Räume und Fördergelder der freien Szene. Natürlich ist die freie Szene gewöhnt daran sich auch gegen Widerstände zu behaupten. Es ist aber mehr als zynisch von den Kulturverantwortlichen, einerseits die Anfälligkeit von institutionalisierter Kulturproduktion gegenüber Selbstzweck, Ineffizienz und Hochmut durchzuwinken, während die freie Szene immer weniger Möglichkeiten erhält, sie es aber meist ist, die neue Ideen udn Ansätze entwickelt. Die Professionalisierung vergrössert die künstlerische Unabhängigkeit der Kunstschaffenden von den Behörden, weil die Behörden auf Erfolgsstatistiken pochen, die nur quantitativ messbar sind. Dieser ökonomische Druck (die Öffentlichkeit und die Medien abzuholen, bedeutet viele Marketingaufgaben, die die Ressourcen für das Werk reduzieren) zwingt die Kunstschaffenden zur Anpassung der Qualität. Das zeigt sich exemplarisch daran, dass unter den heutigen Bedingungen es für Kunstschaffende unmöglich ist, Nachkommen zu zeugen, ohne anschliessend Sozialhilfe oder andere Hilfestellungen vom Staat zu beziehen*. Das Einkommen wird dadurch auf einer sehr niedrigen Höhe festgesetzt; eine Selbstständigkeit ist verboten, was auch die Möglichkeit eines Ateliers und die künstlerische Produktion ausschliesst. Der Staat verhindert gleichzeitig auf der ideellen Ebene die Möglichkeiten für ein unabhängiges Kunstschaffen, wie er materiell die Grundlage nicht bietet und juristisch jede freie Form der Existenz unterbindet. Historisch ist dieses staatliche Treiben daraus gewachsen, dass der Staat nach der Industrialisierung sozial auffälligen Streunern, Alkoholikern und andere Gestalten, die über kein soziales Netz verfügten und die selber an ihrem Schicksal Schuld trugen und als vogelfrei galten, abstrafte. Die Kunstschaffenden hat man immer dazugezählt, schliesslich hingen sie in denselben Kneipen herum oder dann traten sie auf den Bühnen der Welt auf und waren erfolgreich. Erst mit den 1970iger begann eine Wandel einzusetzen. Als der Nachwuchs der Bildungsschicht sich daran machte, ihre Väter oder Mütter mit neuen Ideen herauszufordern, war es der Anfang einer ersten Welle der Monetarisierung der Kultur. Es bildete sich eine postfeudalistische Kulturszene, die nur ihren eigenen Themen folgte und die durch die Förderung dafür belohnt wurde. Das hat teilweise gedauert und nicht alle haben davon gleichermassen profitiert. Nun, da jene Generation die Gönner vertreten, haben sie vorgesorgt, dass ihr Nachwuchs nicht mehr das Erbe verbrennen muss, sollten sie in einen kreativen Beruf wählen, sondern der Staat unterstützt, ohne Wenn und Aber – sonst würde er ja das gleiche machen, wie die verhassten Eltern in den 1970er.

Das Einrichten eines Reservats für Kunstschaffende, wie es indigenen Völkern zugesprochen wird, bspw ausserhalb der Immobilienspekulationsflächen und ausserhalb des Zwangs zu einer digitalen Existenz, versorgt mit einer staatlichen Krankenkasse und minimaler Rentenversorgung, wäre für die Gesellschaft wie für die Künstler eine Option.


Nicht alle Punks, Grossstadtindianer, alle alleinerziehende Eltern und verarmte Pensionäre sind aber Künstler. Es ist auch kein Reservat für Migranten, Rechtsradikale oder frustrierte Politiker. Es ist nur der Verzicht auf gewisse Annehmlichkeiten der Wohlstandgesellschaft zugunsten einer künstlerischen Tätigkeit und dem Bestreben, diese zu entwickeln.

* Die Stadt Zürich hat im Leitbild 2020-2023 hinsichtlich der weiblichen Opfer (junge Mütter mit Kind) des Systems davon Kenntnis genommen, siehe unter Atelierstipendien. Auffällig ist die Korrelation zwischen dem Hyp der Medien (und Werbung) wie Politik für Frauenförderung und dem Durchwinken des Anliegens, das vorher als Resultat einer Neiddebatte verworfen wurde.


b.1.2.a. Die politische Vereinnahmung der Kunstschaffenden


Eine Vermischung der Interessen von Kunst und Kommerz geht nicht ohne Abschwächung der ursprünglichen Ziele. Der Bildenden Kunst wesensverwandte Produktionen (Kreativwirtschaft, Literatur, Theater und Performance sowie Musikbranche) verfügen über ein deutlich höheres und zeitnäheres ökonomisches Potenzial. Dort, wo sie auftreten, bekommen sie Anteile der Eintrittsgelder und können Merchandising betreiben. Diese Veranstaltungsorte unterliegen einem natürlichen Gewinnstreben, da viele der Mitarbeiter einer nicht-künstlerischen Tätigkeit nachgehen. Selbst in Kleinstkulturzentrum entstehen gut bezahlte Arbeitsplätze (Pädagogik, Management, Sozialarbeit, Technik). Sie unterliegen zudem dem Gesetz der Bürokratisierung. Sie infizieren sich mit einer Eigendynamik, die aus feuchtfröhlichen Idealisten lohnorientierte Mitarbeiter macht (aus welchen Gründen auch immer), über die sie sich selbst anfangs noch lustig gemacht haben. Über alternative Organisationsformen ist viel diskutiert und geschrieben worden. Hier anwendbare Formen umreissen eine hierarchielose Betriebsführung mit klarer Aufgabenteilung. Einer aufeinander abgestimmte Lohnstruktur mit wenig Gefälle und einer genereller Beschränkung auf den Medianlohn. Der Finanzierung der Institution und ihrer Mitarbeiter über externe Behörden, Projekte oder Sponsoren ist mit Skepsis zu begegnen und sollte höchstens temporärer Natur sein. Das Partizipationspotenzial oder die Erbringung von Leistungen für externe Stellen birgt immer die Gefahr der ökonomischen und ideellen Abhängigkeiten. Die Schwäche der Mitwirkenden für ökonomische Fallen kann nicht mit Reglementen und Strafen geregelt werden. Selbst ein basisdemokratisches Mitspracherecht aller Mitarbeiter kann zu Unregelmässigkeiten führen. Sinngemäss wäre ein Controlling durch eine externe Behörde, die weder politische noch anderweitige Interessen hat. Eine Bürokratie ohne Tendenz zum Bürokratismus könnte aber auch die Grundlage der Institution selbst werden. Es gab in der Schweiz ein paar Versuche, Verwaltungseinheiten der Institution in städtische oder kantonale Verwaltungsstrukturen auszulagern oder Teile davon zusammenzulegen. Es kam nie gut. Es scheiterte an der verlorenen, aber nötigen Flexibilität der abgewanderten Verwaltungseinheit. Zwischen der künstlerischen Leitung und der Geschäftsleitung kamen immer Zielkonflikte auf, zudem lockte es die Grosse Verwaltungseinheit immer, bei der neu angepflanzten Einheit zu sparen, obwohl dafür ein gesondertes Budget bestand. Der Kanton Solothurn hat mit seiner Verwaltungsreform, als er das kulturelle Amt mit dem Sportamt verband, aufgezeigt, wie kulturfremd Verwaltungen vorgehen. Unter den Ideen der Prozessoptimierung der transatlantischen Managements leiden auch andere. Aber so wie volks- wie betriebswirtschaftich in den letzten Jahrzehnten bei den Kulturförderstellen auf neue und effizientere Prozesse gesetzt wurde, so sieht auch die Bilanz aus: Vielleicht sind tatsächlich Prozesse ausdifferenziert und transparenter gestaltet worden, aber der Verlust an kultureller Kompetenz bei der Anpassung der Systeme und beim Personalaustausch – vom lic. phil. zu Marketing und Kommunikation – verät die Qualität der Reformen.

b.1.3. Die Einflüsterer


Neben einer gehörigen Portion Naivität, die in idealistischen Ideen immer vorhanden ist, gab es noch bis in die 2010er-Jahre zwischen der Bildenden Kunst und der angewandten Kunstformen auf institutioneller Ebene einen Graben, der die letztere Gruppe lange von der institutionellen Förderung ausgrenzte. Das änderte sich in der Folge schnell, die Gründe dafür stehen an anderer Stelle, aber um es kurz auszudrücken, bildete sich eine gesellschaftliche und politische Nachfrage und andererseits entstand eine gesellschaftlich breit abgestützte Lobby, die Erziehung, Bildung und Lebensfreude zusammenführen wollte, ein deutliches Zeichen des stolz gewordenen und solventen Mittelstands. Die Lobbyisten kooperierten mit den Kulturmanagern, die immer neue künstlerische Terrains als würdig einstuften, um eine Nachfrage zu installieren und um eine Finanzierung der Projekte über Kulturförderung zu generieren. Die Riege der jüngeren, institutionellen Kuratoren und Kunsthistoriker sah darin ihre Chance, ein persönliches Alleinstellungsmerkmal herausarbeiten zu können und mit neuen Kriterien, neuen Künstlern und neuen Kunstformen die reduzierte Hegemonie der Altvorderen aufzubrechen und die Chance, die Kunstgeschichte neu zu erfinden. Um Eltern gegenüber ihren Kindern erpressbar zu machen, muss nur das schlechte Gewissen angesprochen werden, dass im Individuum in der opportunistischen Konsumwelt ständig präsent ist. Politiker sind dem in Zeiten der politischen Korrektheit dem schutzlos ausgeliefert. Der Preis, der dafür von der Allgemeinheit zu bezahlen ist, kann man bei Luhmann nachlesen. Selbst wenn wir darauf verzichten, die Zukunft zu bewerten, werden wir resümieren müssen, dass eine Sozialromantik, zu der wir seit der Aufklärung politisch tendieren, nun definitiv abgelöst wird durch die Hoffnung, dass ein grüner und individualistisch ausgerichteter Kapitalismus seine totalitaristische Seite ablegen wird.

b.1.4. Geschichtsverfälschung


Hier können wir uns kurz halten. Mit der Krise der objektiven Berichterstattung durch die Kapitalisierung der Informationsvermittler wie Internet, Zeitungen, Radio und Fernsehen müsste klar sein, dass auch die Kunstgeschichtsschreibung seit ihrer Einführung im 18 Jh. nicht ohne sachfremden Einfluss auskam. In der alten Ordnung (vor dem Jahr 2000) gab es unter den Interessierten immerhin einen Kanon oder Konsens über die gröbsten Strukturen, auch weil die Informationen beschränkt zugänglich waren und jede von einem einzelnen Forscher entwickelte Abweichung nur beschränkt gobal vermittelbar war, ausser ausser man traf sich an Kongressen, wo es dann im Plenum möglicher wurde. Aber schon damals wusste man um die Zufälligkeit der Zuweisungen durch die Kunstgeschichte und hat diese Unschärfe miteingerechnet. Heute, mit dem beständigen Informations-Tsunami, hat man diese Zurückhaltung aufgegeben. Es gewinnt jener, der am lautesten schreit.