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b.1 Über künstlerische Ideen und kulturpolitische Bewegungen der letzten Jahrzehnte


Kapitel 1. Die Ausganslage

1.a.1. Interview mit einer Stadtpräsidentin


Einführendes (nicht ganz ernst und doch völlig frei erfunden) Interview mit der Stadtpräsidentin Mauch.
Von Daniel Wadsworth


Neben der sauberen Kreativitätsindustrie wird nun auch dem "revolutionären" vormals "sauberen" Nachwuchs ein Nest gebaut – der im Westen stehende Funktionsbau der ZHDK. Ein Erweiterungsbau für die Kunsthaus ragt bereits in groben Zügen empor, die Kunsthalle und das Löwenbräu definieren sich neu als Ausgehzone mit Restaurant. Dabei ist unserem Autor aufgefallen, dass die Förderung dieses globalen Industriezweigs oft als Förderung der Kultur verkauft wird. Dieser Zielkonflikt ist sogar explizit im Kulturleitbild (2012–19) der Stadt Zürich herausgehoben: ... ist vereinnahmt von modernen Managementideen und dem Kapital und gehört eigentlich ins Wirtschaftsdepardement, steht dort.

Daniel: Sehr geehrte Frau Mauch. Was läuft falsch?

Mauch: Richtig. Es gibt da einen leisen Konflikt.

Wadsworth: Dem Kapital möchte die Stadt die Akkumulationsbedingungen verbessern und lenkt dadurch Gelder um, die der Kultur zuständen. Gemäss dem Wirtschaftspapier Ihrer Partei ist klar, dass man gegen das Kapital nicht gewinnen kann?

Mauch: Falsch. Wir haben nur gesagt, dass diese ökologisch saubere Industrie in Zürich eine attraktiven Standort finden soll. Einlenken müssen wir da, wo wir anerkennen, dass eine Problematik mit dem Strombedarf, also der ökologischen Bilanz, in der Branche besteht. Diese Branche ist aber initiativ genug, um dafür originelle Lösungen zu finden. Sie arbeitet an - und hat unternehmerisch ein hohes Interesse daran - effizienteren und umweltschonenderen Prozessen.

Wadsworth: Wenn die Kreativitätsförderung das Ziel verfehlt, resp. einseitig fokussiert, so entsteht doch daraus zwangsläufig ein Mangel - irgendwo? Und dort, wo schon Mangel war - bei den klassischen Disziplinen, wird dieser noch grösser ausfallen, isn`t?

Mauch: Maybe, but .... in der Tat gibt es partiellen Handlungsbedarf.

Wadsworth: Durch die Kreativitätsindustrie steigen beispielsweise lokal die Lebens- und Arbeitsraumkosten. In Berlin, New York, Paris, London und Wien wird das seit Jahrzehnten beobachtet. Dadurch verlieren die Künstler ihre innerstädtischen Treffpunkte und so auch die Dynamik, die sie benötigen um als kulturelle Hotspots dem globalen Kunstmarkt und dem Kapital die Stirn bieten zu können. Was wollen Sie also tun?

Mauch: Wir tun unser Bestes. Wir haben die Vergabe für Atelierräume professionalisiert – immerhin an die 190 Ateliers hat die Stadt. Mit dem Herderareal können wir nun auch noch Zwischennutzungen anbieten, fast 1000m2. Aber grundsätzlich geht es darum, dass weltweit die urbanen Zentren ihre sozialen und ökölogischen Werte angleichen. Das bedeutet auch eine Abgrenzung gegen die ländlichen Gebiete. Die Solidarität mit der nicht konstruktiven und zukunftsgerichteten Umgebung wird ersetzt durch soziale Gruppendynamiken, die in den Quartieren der Städte gebildet werden und die Energie dorthin lenkt. Es gibt deshalb auch eine Tendenz zur Gegenwart, also dass die Aktivität im Hier und Jetzt stattfindet. Also direkt zugunsten jener Leuten und Familien, die dort gerade sind. Längerfristige soziale Ziele gehen über diese Grenze hinaus.

Wadsworth: Frau Mauch, temporär ist - wie sie zu wissen scheinen - nicht immer gut für die Kunst. Immer hin und her verträgt nicht jedes Handwerk, vor allem die Klassischen. Keine Angst, dazu beizutragen, dass sie ausgemerzt wurden?

Mauch: In Berlin nutzen die Künstler subventionierte Elektrovelos, um die Distanzen zwischen Wohn-, Arbeitsort und Atelier zu überbrücken. Das ist innovativ und deckt sich auch mit unseren Ideen im Wirtschaftsbereich. Und es kostet die Stadt nichts! Solche Synergien müssen die Künstler und Künstlerinnen suchen. Um aber noch meine vorhergehende Aussage abzuschliessen. Es besteht die Möglichkeit, dass die klassischen bildenden Künste einfach zu demokratisch sind. Sie richten sich an Alle und dadurch sind sie sozial nicht bewertet, also nicht einsetzbar zur Abgrenzung gegenüber den vermeintlichen Verlierern. Das ist kompliziert ... vielleicht reden wir ein andermal darüber.

Wadsworth: Das Herderareal. Das Gebäude der Migros dient heute als Lager für die Theaterleute und andere Räume sind auch der Kreativindustrie (ZHDK) zur Verfügung gestellt worden. Ein paar Räume stehen auch den Artists in Residence zur Verfügung, deren Ideale umstritten sind. Alle zusammen betreut von Professoren, ohne vorausgehende Qualitätsprüfung – ein nettes Plauderstündchen mit dem Herrn Doktor. Professionelle und zielorientierte Förderung sieht doch etwas anders aus? Oder irre ich da?

Mauch: In den neuen Genossenschaftsüberbauungen bieten wir auch Ateliers an. Direkt bei den Leuten zu sein muss für Künstler und Künstlerinnen doch sehr spannend sein. Das sagen auch die bereffenden Kuratorinnen, die sich dezentral in der Stadt ausbreiten, analog zu den Quartierzentren, die neue kleinräumige aber interessennahe Aktivitäten der Quartierbewohner unterstützen.

Wadsworth: Mit Bastelräumen reduzieren Sie doch nicht den existenziellen Druck der lokalen Künstler. Es sieht eher nach zufälligen Gelegenheiten aus, die man für sich politisch günstig nutzt. Das ist legitim. Aber die Frage bleibt: Wann ändert sich etwas? Umgekehrt wäre es ja auch so, dass, wenn man die Dezentralisierung fördert, auch Leuchttürme wie das Kunsthaus nicht mehr benötigt. Sonst sieht das doch nach strategischer Klientelbewirtschaftung aus, die kleine Brote an die Kleinen verteilt und den Aufschnitt für sich selbst behält.

Mauch: Sie können nicht die Einen gegen das Andere ausspielen!? Das ist unfair. Wir arbeiten nach den politischen Realitäten. Die sind manchmal unscharf und manchmal muss auf magistraler Ebene auch verschiedenen Dinge zusammen gebunden werden um etwas bewirken zu können. Idealistische Ideen sprengen den realen Rahmen der Möglichkeiten.

Wadsworth: Die Erweiterung des Kunsthauses ist eine Fördermassnahme für die Bildenden Künstler?

Mauch: Also Sie sind mir ein Zyniker. Nein. Natürlich nur am Rande. Aber rechnen sie die kommenden höheren Betriebskosten mit den Einsparungen bei den Investitions- und Restaurationskosten auf, dann wirft die Sache in ein paar Jahren keinen Gewinn aber auch keinen Verlust ab. Im Gegenteil, es ist dann die Möglichkeit gegeben, dass das Kunsthaus, sich durch die räumliche Ausdehnung bei der Förderung lokaler Kultur aktiver einsetzen könnte. Dieses Angebot hat die Kunstgesellschaft bereits formuliert.

Wadsworth: Sie erhöhen die Beiträge für die freien Ausstellungsräume. Sie wollen damit die beliebten Off-Spaces in den Quartieren unterstützen. Was erhoffen Sie sich davon?

Mauch: Es ist wichtig, dass die Künstler sich selber organisieren und – wenn auch im kleinen Rahmen ­– Ausstellungsmöglichkeiten erhalten, um ihre Werke zeigen zu können. In den grossen Häusern ist dafür einfach (noch, siehe Kunsthaus) kein Platz. Damit meine ich auch das Helmhaus, wo sich die meist junge Kunstelite trifft, die ich meistens ja auch nicht verstehe, aber gerade deshalb unterstütze. Es wird oft darüber diskutiert, wie man das Helmhaus und auch die Shedhale besser inhaltlich definieren könnte. Bisher gab es keine Vorschläge, die mich überzeugt hätten. Es besteht aber auch keinen Handlungsbedarf. Die jeweiligen Leitungen machen ihre Sache gut, die Besucherzahlen steigen kontinuierlich an.

Wadsworth: Ihre Äusserungen treffen viele ältere Künstler ins Mark. Diese glauben noch an Good Gouvernance, an die Transparenz und an ihre reale Chance im Helmhaus oder in der einst ruhmreichen Shedhalle. Sie werden sie Ihnen sagen, die Themen, über die dort alle quasselnn, wie Tod, Vertreibung, Opfer etc., kennen wir nicht nur von Youtube-Videos. Unsere Eltern oder Grosseltern haben es uns etwas mitgegeben, was man wirklich gelebte Geschichte nennen darf. Und diesem Fundus, diese Transformationspraxis der gelebten Geschichte in der künstlerische Produktion verwehren Sie die Unterstützung? Sonst halten sie es doch immer mit den Opfern?

Mauch: Tut mir leid, Daniel, ich muss jetzt zurück in den Saal. Nehmen Sie es sportlich. Als man das Rad erfunden hatte, trug man die Lasten auch nicht mehr auf dem Rücken. Und noch das! Sie wissen, dass nicht die Opfer das eigentliche Zielpublikum der Politiker sind. Es sind die medienwirksamen Opfer, die mit der Empathie politische Stimmen generieren. Letztlich arbeite auch ich kreativ und manchmal erscheit es mir, dass verglichen mit der Kunst, die politische Realität weitaus komplexer zu steuern oder zu fassen ist, als der Maler sich ein Sujet einfängt. Politische Macht im Griff zu haben, ist wie ein Seiltanz und berührt das Überhebliche und die Eleganz wie eine künstlerische Darstellung. Das macht an der Macht süchtig. Aber man weiss immer: der Absturz kann jederzeit kommen.

Wadsworth: Noch eine letzte Bemerkung Frau Mauch, oder besser liebe Corine. Welchen Rat gibst du den Künstlern auf den Weg geben? Die nicht mehr so jung und smart sind und nicht gerade akademisch ausgebildet werden. Weder gut bezahlte Nebenjobs noch Lehrtätigkeiten haben, um sich erstmal ein praktikables Atelier leisten zu können. Weder beziehen sie das Vorerbe des Grossvaters noch können sie ihre Eltern erpressen. Was rätst du ihnen, wenn hier in der Kulturstadt Zürich ihre einzige Option ist, sich mit den über Jahrzehnten und mit Sorgfalt entwickelten Arbeiten in Quartierzentren mit Kindern zu messen? Wenn ihnen der Zugang aus den diskriminierenden Gründen – die ich vorher aufgezählt habe – verwehrt wird? Wenn sie ihre klassischen Arbeiten nicht regelmässig auf einem ansprechenden Niveau zeigen können, um in relevante Konkurrenz zu kommen, die ihre Entwicklung schärft?

Mauch: Die Stadt Zürich sieht sich als grösste Schweizer Stadt in einer besonderen kulturpolitischen Verantwortung. Kulturförderung ist für den Stadtrat eine zentrale öffentliche Aufgabe. Sie garantiert Vielfalt, hohe Qualität, aber auch die Möglichkeit des Experiments, des Scheiterns und des Neuanfangs.


1.b.1. Kulturpolitische Bewegungen der letzten Jahrzehnte



b.1.1. Die ökonomische Falle

Viele Bewegungen konnten sich auf lokaler Ebene etablieren und waren in ihrem Streben nach institutioneller und finanzieller Unabhängigkeit erfolgreich, soweit sie den Mantel der bisherigen Kulturförderung konzeptuell und strategisch nicht sprengten. Projekte, die Raum und Entwicklungsfläche in den Kommunen für kulturelle Projekte beanspruchten, hatten nur soweit Erfolg, als sie ihre Ideen umzusetzen und temporäre finanzielle Unterstützung oder sogar Subventionen erhalten haben. Kleine experimentelle Ausstellungprojekte wie OFF-Spaces, Performance- und Theaterzentren oder anderen kulturelle Quartierinitiativen. Es gab es eine Reihe von Kleinstinstitutionsgründungen in Kooperation mit anderen lokalen Organisationen. Darunter politische und gesellschaftliche Minderheitenvertreter, lokale nationalistisch angehauchte Folkloregruppen, neue ökologische Bewegungen aus dem urbanen Umfeld, semiprofessionelle Kulturangebote an Anwohner und Kinder, Tauschbörsen und jede Menge Start-up-Unternehmen. Dadurch entstanden für die Gemeinden attraktive Impulsorte (Bars, Kulturlokale und World-Food-Angebote), die auch als Attraktivitätssteigerung für den Tourismus dienen, aber natürlich auch um die heterogenen Interessenkonflikte im öffentlichen Raum abzumildern, um die vielfältigen Wünsche der Bürger nach finanzieller oder ideeller Zuwendung ihrer Einzelinteressen nachzukommen. Der Kollateralschaden Gentrifizierung – gegen die die Städte nur in kluger Voraussicht hätten angehen können, indem sie die Liegenschaften aus ihren Immobilienfonds streichen – macht diese Projekte leider nur zu kurzweiligen Abenteuerspielplätzen, wo u. a. auch vorerst mal willkommene Niedriglohnjobs für Studenten entstehen, die irgendwann damit nicht mehr zufrieden sein werden.

b.1.2. Moralisches Verbot für Kunstschaffende

Die Professionalisierung des kulturellen Angebots schreitet stetig voran und verhindert, dass sich eine freie Szene bilden kann – die durch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit eine Option zum Leben in der Konsumgesellschaft für künftige Generationen darstellen kann. Sie verhindert auch eine künstlerische Unabhängigkeit von den Behörden, da der ökonomische Druck die Kunstschaffenden zur Anpassung und Systemwechsel zwingt. Im Prinzip gibt es unter den heutigen Bedingungen für Kunstschaffende ein unausgesprochenes strukturell und moralisches Verbot für die Zeugung von Nachkommen. Sofern sie sich nicht unter dem für ihre Kunst katastrophalen Joch der Konsumgesellschaft beugen und sich wirtschaftlich an die Masse anpassen, gelten sie als Schmarotzer, die nur im Erfolgsfall willkommen sind. So gesehen ist ein Reservat für Kunstschaffende, wie es bisweilen indigenen Völkern zugesprochen wird und vergleichbar ist mit einer z.B. Mehrwertsteuer freien Zone, die ausserhalb der Immobilienspekulationen und ausserhalb dem Zwang einer digitalen Existenz, mit einer staatlichen Krankenkasse und minimaler Rentenversorgung, für die Gesellschaft wie für die Künstler die bessere Option. Man darf aber hierzu nicht alle Punks, alle alleinerziehende Eltern oder verarmte Pensionäre dazurechnen. Es ist auch keine Reservat für Migranten oder Rechtsradikale. Es ist ein aufrechter und freiwilliger Verzicht auf gewisse Annehmlichkeiten der Wohlstandgesellschaft zugunsten einer künstlerischen Tätigkeit. Das ist keine Forderung nach einem Grundeinkommen. Es ist eine historische liberale Forderung nach der freien Wahl, nach welchen menschlichen kulturellen Werten man sich ausrichten will. Der Witz ist, dass diese Idee der Gesellschaft ökonomisch wie ökologisch sogar nützt. Es fehlt rein der politische Wille Minderheiten zu akzeptieren, das andere zuzulassen, Fremdes zu akzeptieren. Dinge, die totalitären Staaten ins Gesicht geschrieben steht.

b.1.2.a. Die politische Vereinnahmung der Kunstschaffenden durch die Politik

Eine Vermischung der Interessen von Kunst und Kommerz geht nicht ohne Abschwächung der ursprünglichen Ziele. Der Bildenden Kunst wesensverwandte Produktionen (Kreativitätswirtschaft, Literatur, Theater und Performance und Musikbranche) verfügen über ein deutlich höheres und zeitnäheres ökonomisches Potential. Dort wo sie auftreten, bekommen sie Anteile der Eintrittsgelder und können Merchandising betreiben. Diese Veranstaltungsorten unterliegen einem natürlichen Gewinnstreben, da dort Mitarbeiter einer nicht-künstlerischen Tätigkeit nachgehen. Selbst in Kleinstkulturzentrum entstehen gut bezahlte Arbeitsplätze (Pädagogik, Management, Sozialarbeit, Technik). Sie unterliegen auch dem Gesetz der Bürokratisierung. Sie infizieren sich mit einer Eigendynamik, die aus feuchtfröhlichen Idealisten interessengeleitete intellektuelle Blindgänger macht, über die sie sich selber anfangs noch lustig gemacht haben. Über alternative Organisationsformen ist viel diskutiert und geschrieben worden. Hier anwendbare Formen umreissen eine hierarchielose Betriebsführung mit klarer Aufgabenteilung. Einer aufeinander abgestimmten Lohnstruktur mit wenig Gefälle und einer genereller Beschränkung auf den Medianlohn. Die Finanzierung der Institution und ihrer Mitarbeiter über externe Behörden, Projekte oder Sponsoren ist mit Skepsis zu begegnen und sollten höchstens temporärer Natur sein. Das Partizipationspotenzial oder die Erbringung von Leistungen für externe Stellen birgt immer Gefahr für ökonomische und ideelle Abhängigkeiten. Die Schwäche der Mitwirkenden für ökonomische Fallen, kann nicht mit Reglementen und Strafen geregelt werden. Selbst ein basisdemokratisches Mitspracherecht aller Mitarbeiter kann zu Unregelmässigkeiten führen. Sinngemäss wäre ein Controlling durch einen externe Behörde, die weder politisch noch anderweitige Interessen hat. Eine Bürokratie ohne Tendenz zum Bürokratismus könnte aber auch die Grundlage der Institution selbst werden. Es gab in der Schweiz es ein paar Versuche Verwaltungseinheiten der Institution in städtische oder kantonale Verwaltungsstrukturen auszulagern oder Teile davon zusammenzulegen. Es kam nie gut. Es scheiterte an der verlorenen aber nötigen Flexibilität der abgewanderten Verwaltungseinheit. Zwischen der künstlerischen Leitung und der Geschäftsleitung kamen immer Zielkonflikte auf, zudem lockte es die Grosse Verwaltungseinheit immer dazu, bei der neuangepflanzten Einheit zu sparen, obwohl dafür ein gesondertes Budget bestand. Der Kanton Solothurn hat mit seiner Verwaltungsreform, als er das kulturelle Amt mit dem Sportamt verband, aufgezeigt wie kulturfremd Verwaltungen vorgehen. Unter den Ideen der Prozessoptimierung der transatlantischen Managements leiden auch andere. Aber so deutlich absurd, wie in den letzten Jahrzehnten Druck auf die regionalen Kulturförderstellen von Seiten der Verwaltung auf effizientere .

b.1.3. Die Einflüsterer

Neben einem gehöriger Portion Naivität, die in idealistischen Ideen immer vorhanden ist, gab es noch bis in die 2010-Jahre zwischen der Bildenden Kunst und der angewandten Kunstformen auf institutioneller Ebene einen Graben, der die letztere Gruppe lange von der institutionellen Förderung ausgrenzte. Das änderte sich in der Folge schnell, die Gründe dafür stehen an anderer Stelle, aber um es kurz auszudrücken, bildete sich eine gesellschaftliche und politische Nachfrage und andererseits entstand eine gesellschaftlich breit abgestützte Lobby, die Erziehung, Bildung und Lebensfreude zusammenführen wollte, ein deutliches Zeichen des stolz gewordenen und solventen Mittelstands. Die Lobbyisten kooperierten mit den Kulturmanagern, die immer neue künstlerische Terrains als würdig einstuften, um eine Nachfrage zu installieren und um eine Finanzierung der Projekte über Kulturförderung zu generieren. Die Riege der jüngeren institutionellen Kuratoren und Kunsthistoriker sahen darin ihre Chance ein persönliches Alleinstellungsmerkmal heraus arbeiten zu können und mit neuen Kriterien, neuen Künstlern und neue Kunstformen, die reduzierte Hegemonie der Altvorderen aufzubrechen und die Chance die Kunstgeschichte neu zu erfinden. Um Eltern gegenüber ihren Kindern erpressbar zu machen, muss nur das schlechte Gewissen angesprochen werden, dass im Individuum in der opportunistischen Konsumwelt ständig präsent ist. Politiker sind in Zeiten der politischen Korrektheit dem schutzlos ausgeliefert. Der Preis, der dafür von der Allgemeinheit zu bezahlen ist, kann man bei Luhmann nachlesen. Selbst wenn wir darauf verzichten die Zukunft zu bewerten, werden wir resümieren müssen, dass eine Sozialromantik, zu der wir seit der Aufklärung politisch tendieren, nun definitiv abgelöst wird durch die Hoffnung, dass ein grüner und individualistisch ausgerichteter Kapitalismus seine totalitaristische Seite ablegen wird.

b.1.4. Historisierung als Passion