/ Kapitel 1 / K. 2 / K. 3 / K. 4 / Statistik / Übersicht


2.b.1 Risiken


Kapitel 2.

2.a. Politische und gesellschaftliche Grundlagen

Sechs grundlegende Thesen zur Umstrukturierung der Kulturförderung

2.a.1. Integrität

Eine Grundlage besteht aus der allgemein festzusetzenden Überzeugung, dass der gesellschaftliche Stellenwert der Kunst von ihrer Erscheinung abgeleitet wird. Ihre Glaubwürdigkeit als die fünfte regulative (kritisch, erfinderisch und umwälzend) Macht im Staat, hängt – wie bei allen anderen – davon ab, mit wem sie Bündnisse eingeht und wie vehement sie ihre eigenen ethischen wie moralischen (unabhängig davon, ob es diese gibt oder braucht in der Sache) Standards zu verteidigen weiss. Zwischen der Kunst und der bürgerlichen Gesellschaft gab es früher ein Arrangement und eine Abmachung über die Kosten und den erwünschten Ertrag. Gebaut auf Schönheit und Eleganz – dem ästhetischen Bestreben – das alle Bereiche zwischen Gedanken und Lust beinhaltet, auch die Exklusivität der Kunstsinnigen gegenüber den arbeitenden Gesellschaftskreisen. Das Arrangement war absichtlich diffus und wird noch heute sehr unterschiedlich interpretiert. Aber gegen die unerschütterliche Verbindung zwischen dem Bürgertum und den Institutionen der Kunst, konnten selbst die humorlosen rechtsbürgerlichen wie kommunistischen Interessen nichts ausrichten.

2.a.2. Medien- und Informationskrise

Durch den Tsunami, der die neuen Informationstechnologien auslösten und der Wulst der sozialen Medien wurde die Kultur dezentralisiert, hierarchiefrei und dadurch gesellschaftlich wertlos und beliebig, aus anything goes wurde everbody making. Was wie eine sozial erwünschte Revolution anklang (... jeder ist ein Künstler, das Bonmot von Beuys, das erst missverstanden wurde und die beuysische Kunst abwertete, bis die sozial und politischen Aktivisten ab den 1980ern auf dem Feld der Kunst auftauchten und den Slogan ideell zum gelebten Alptraum machten – ein Korrelat zur zeitgleichen materiellen Vorgang zwischen Kapital und Kunst), hat sich in der Fortsetzung ins Gegenteil verkehrt. Dieser wertlose und wertfreie Umgang der Gesellschaft mit der individuellen Erkenntnisfähigkeit und den kulturellen Leistungen, wurde zu einem Desaster der neoliberalen Politik, wie aber auch beim sozialdemokratischen Widersacher. Hatte man einst die politisch übergreifende Idee, dass mit der Stärkung und dem Ausbau der Kommunikationsfähigkeit die Individuen die Herausforderungen der Zukunft besser meistern könnten, zeigt sich heute – in der kapitalistischen Realität – statt dessen, dass dadurch nur die Anzahl der Problemfelder ausgedehnt wird. Anstatt politische Konsensfähigkeit und Problemlösungskompetenz zu fördern, entpuppt sich die neue Kommunikationstüchtigkeit als Steigbügelhalter für die Günstlinge, die von den politischen und kulturellen Fehlern der letzten 2000 Jahren profitieren.

2.a.3 Erweiterung der Kunstdisziplinen

Die Tendenz der Kunst sich auf unübliche Spielflächen auszudehnen, besteht nicht erst seit den zwei Jahrtausendwenden (1900 und 2000), die wir hauptsächlich als den Experimentierzeitraum und Vorlauf der aktuellen Kunstdebatte verstehen. Die Kunst hat generell einen experimentellen und fluiden Karakter, der ungreifbar an der Grenze zwischen materieller und geistiger Präsenz lagert. Dieser nicht schlüssig deklinierbare Wert hadert gegen die Bequemlichkeit des Bürgertums und der Selbstgerechtheit des materielen Besitztums und des gesellschaftlichen Status, weil sie dieser Ordung nicht gehorcht. Es geht um die Freiheit der Kunst, die Begehung von Grenzen und um den Wettbewerb innerhalb der künstlerischen Konkurrenz. Wahrheiten sind da immer sehr relativ, damit muss man sich nicht lange aufhalten, es steht im jedem Manifest, in jedem Kunstprospekt. Was aber unsere Aufmerksamkeit verdient, ist der eigentliche Zustand dieser immanenten Qualität der Kunst innerhalb eines marktorientierten Systems. Was sich verkaufen lässt, wird produziert ist kein Auswahlkriterium für die staatliche Förderpolitik. Entsprechend dürften partizipatorische und pädagoisch motivierte Gesellschaftsprojekte nicht der Kunst zugehörig sein. Ebenso kunstmarktorientierte Ausstellungen (man lese das Tagi-Magi oder schaue nach Holland) und Grossveranstaltungen wie die Manifesta, die nur Werbung in eigener Sache betreiben. Dazu gehört auch die Transparenz bei Auslobungen hinsichtlich der Funktion der Kunst und Bau-Projekte. Der Einbezug der Künstler in die Planphase spurt die Kunstprojekte meist einfach bereits frühzeitig in gewünschte Bahnen und verhindert eine mögliche architektonische Auseinandersetzung oder Konfrontation.

2.a.4. Kunst und Kapital

a. Wenn der Vorwurf an die Kunst herangetragen wird, dass sie immer auch vom Kapital profitiert hat, so muss man darauf entschieden antworten: Nein! Gerade die Auswüchse und die überall lamentierte Wertlosigkeit zeigen, dass die Kunst nicht per se von Profitgeldern profitiert. Renditeversprechen, wie man sie als Anleger versteht, oder wie auch die linken Kommunen mittlerweile sozialökonomisch argumentieren, lassen sich nicht halten. Die Entwicklung der Kreativitätsindustrie und die industrielle Produktion von Kunst für den globalen Kunstmarkt wurde nur aus einem Grund vorangetrieben: aus Profitdenken. Kommunen irren vorsätzlich, wenn sie weiterhin darauf beharren, dass bei der Kreativitätsindustrie – wie bei der Kunst – nebenbei gesellschaftlich nützliche Attitüden auftreten.

b. Das Kultur für die Gesellschaft einen sozialen Mehrwert hat, lässt sich belegen (Beispiel Steiermark: 2009 sind 1.8 Millionen freiwillige Arbeitsstunden geleistet worden. Mehr als bei der Feuerwehr oder in der Sozialen Arbeit freiwillige Arbeitsstunden geleistet wurden). Dass die Kultur auch ökonomisch einen Einfluss auf die Entwicklung einer Kommune hat, kann man an der Genrtifizierung ablesen. Kritikern sollte man fragen, wo die Beweise sind, die das Gegenteil beweisen. Andereseits solllte der Diskurs über Inhalte geführt werden, die in ide Gesellschaft einfliessen.

In der Steiermark lebten 2008 37 % der Kunstschaffenden unter der Armutsgrenze. Dieser Anteil ist 5 mal höher als bei anderen Erwerbstätigen.

Die Stadt Zürich gibt von ihrem Kulturhaushalt 5.5% an die Freie Szene der bildenden Kunst ab. Das sind rund 750'000 Franken im Jahr. Wieviel davon an Verwaltungsaufwände und an Dritte geht (Zulieferer, Dienstleister von Projekten) wird nicht ausgewiesen. Die Stadt stellt auch 190 Atelier für Kunstschaffende zur Verfügung. Nicht alle sind subventioniert und nicht alle werden ausgeschrieben. Pro Jahr kommen ca. 4 Ateliers zur Ausschreibung.

In Holland ist man versucht den Kunstschaffenden ein Grundeinkommen zu geben. Bisher gab es das WWIK-System, als Einkomensbeisteuerung für staaatlich anerkannte Kunstschaffende.

2.a.5 Revision der Sparten

Eine klare Trennung und Differenzierung zwischen den Kunstproduktionen und der jeweiligen gewerblichen oder kulturellen Absichten ist unumgänglich. Es gibt dafür bereits gute Ansätze. Die Kriterien richten sich nach den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Klienten und der jeweiligen Umgebung aus. Sind Sie bereits als staatliche Aufgaben eines kunstfernen Departements zugewiesen?

a. Soziale Kunst, also Kunst, die interaktiv auf die Gesellschaft zugeht (Strassenkunst, performative und temporäre Kunst im öffentlichen Raum und partizipative Programme im Bereich der Erwachsenenbildung und der Migrationsarbeit) ist ein Förderinstrument der Verwaltung zur Gestaltung und Sicherung im sozialen wie öffentlichen Raum.

a.1. Partizipative Projekte, die sich explizit als für alle (das Volk) verstehen, zeigen deutlich auf, wie die Öffentliche Hand die Kultur instrumentalisert. Kunst für alle heisst, dass die Qualität auf Kinderniveau gesenkt wird. Beliebt bei den Kunstschaffenden weils diese Arbeit von staatlicher Seite und von Stiftungen finanziert ist. Ernsthafte Auseinandersetzungen mit der Kultur und der Kunst findet an diesen Orten kein Gehör. Es ist bei Ausschreibungen explizit von niederschwelligem Angeboten die Rede. Paradebeispiel ist dafür das Migros-Kulturprozent.

b. Die Kunst des Kunstmarkts ist kein Gegenstand der Förderpolitik durch Museen. Es ist Sache des Künstlers diese Kunst über Schenkungen bewusst zu setzen oder zurückzuführen. Der Künstler kann den ökonomischen Wert eigens begrenzen, um der Wertspekulation zu entgehen.

Anm. I. Regionalismus ist eine Reaktion auf eine unsoziale Spirale der kapitalistischen Kräfte und ein Schutzmechanismus gegenüber fremdländischer Konkurenz. Das galt schon anfangs des 20. Jahrhunderts, als die Kunst aus Frankreich Ferdinand Hodler und seinen Kollegen Käufer abspenstig machten. Protektionismus und Subventionen waren schon immer die Instrumente um die bösartigen Auswüchse der Marktwirtschaft zu begrenzen.

Anm. II: Galerien und Kunstmessen können je nach Ausrichtung durchaus auch subventieniert werden. In der Regel wurde dies früher durch Ankäufe der Stadt oder des Kantons auch so gehandhabt.

Die erst seit diesem Jahrtausend angewandte Praxis, soziale Kunst und Kunst im öffentlichen Raum (ohne Denkmäler und Kunst am Bau) in denselben Fördertopf zu werfen wie die klassischen Bildenden Künste, hat zu einer dramatischen Kürzung der traditionellen handwerklich orientierten Kunst geführt. Während die temporären Projekte, die über ideelle Qualität verfügen, boomen, sind materiell wie konzeptuell anspruchsvolle Arbeiten von Einzelpersonen beinahe aus dem Fokus der Förderung verschwunden.
Ein nicht unbedeutender Grund dafür sind die Kultursekretariate, die ihren politischen Vorgesetzten zudienen und dadurch populäre Strömungen fördern, die Wählerstimmen sichern und den sozialen Frieden sichern sollen. Historisch gewachsene und traditionelle Ausrichtungen – die keineswegs gesellschaftszerstörerisch noch politisch destabilisierend sein müssen, wie z. B. die armeefreundliche Vereine – werden dadurch einfach ignoriert. 2018 wird sichtbar, dass Methoden, die sich an der unmittelbaren Handlung und am Geist orientieren, dazu gehört auch das Fischen - zugunsten des Konsums getilgt werden. Eine Kampfansage an individuelle kulturelle Hemisphären, die seit der Entwicklung des Feuersteins geistige Fähigkeiten entwickelte und die kulturellen wie sozialen Ethik herausbildete. Heute sind sie als unproduktiv und prozesshemmend eingestuft, widerborstig gegen politisch einschätzbares Schwarmverhalten.
Die Reputation des eigentlichen individualisierten Kunsthandwerks am Boden. Jene, die z. B. ohne Vorarbeit durch einen Zulieferer auskommt, ohne die weiterverarbeitende Industrie rechnet oder ohne den Handel operiert. Für dieses Kleingewerbe werden systematisch die notwendigen Lebensgrundlagen zerstört. Die öffentliche Kunstverwaltung und der Bürger hat den Glauben und das Interesse an der Zukunft der Künste verloren. Die Forderung nach günstigen Produktionsräumen und einer brauchbaren Entschädigung für künstlerische Leistungen (Ausstellungsentschädigungen)liegen brach, resp. werden bestritten.

2.a.6. Professionalisierung der Verwaltung und die Kreativitätsindustrie

Neben den ökonomischen und politischen Interessen der Kommunen an Sommeraktivitäten und Unterhaltung für die Menge auf der Strasse und in den Museen, wandern Fördergelder vermehrt in Projekte, deren Nachhaltigkeit für die Kunst nicht gegeben ist?. Dazu zählen auch die Off-Spaces, die eigentlich ins Etat der Kunstwissenschaftlichen Institute gehören, da sie zur Ausbildung von Kuratoren gehören und vor allem bilden sie eine systematische Ungerechtigkeit ab. Gemäss den Förderbestimmungen sind Kuratoren Lohnberechtigt. Die beteiligten Künstler hingegen nicht. Schädlich sind auch die Zweckallianzen zwischen den Hochschulen der Kreativitätsindustrie und der Förderpolitik der Kommunen. Da wird entgegen dem inhaltlichen Vorgaben eine Monopolisierung der Kunst gefördert, also gegen besseren Wissens. Oft scheitern künstlerische Projekte am völlig unangemessenen bürokratischen Aufwand, den die Stiftungen verlangen, da sie eine Betreuung durch ein Kulturmanagement (ebenfalls lohnberechtigt) voraussetzen, obwohl auch dies zu unnötigen Kosten führt, die sie dann mitunter sogar als Ablehnungsgrund anführen.




2.b.1 Risiken