Kapitel 3. Lösungsansätze

3. a. Harmonisierung der Ausstellungsbedingung


Vermittelnde Texte übertreiben es manchmal mit den pädagogischen Realismus ihrer Aussage: Die Gesellschaft muss aufwachen und ihre ökologische, soziale und politische Verantwortung endlich übernehmen. Und möglichst bevor die Welt den Bach runtergeht. So lauten die moralischen Aussagen mancher Arbeiten in Venedig 2019 und auch in den meisten alternativen Kunstausstellungen rund um die Welt ist die Umsetzung realer Politikthemen gang und gäbe. Nicht nur im Beitext, sondern sie spielt hinein in das Werk, das dadurch einen illustrierenden oder symbolischen Charakter bekommt.
Off-Spaces und Messen wie die Documenta oder Manifesta werden zu Pfadfinderlagern und subventionierten Freikirchenveranstaltungen. Sie richten Zonen ein, die der Natur und dem Frieden huldigen, aber der paramilitärischen oder evangelianische Hintergrund und ihre eigene Co2-Bilanz wird verschwiegen. Die Tagespolitik dient nur als Hintergrund für die Themen der Workshops, aber die Gegenwart oder die Realität der eigenen Interessen steht auf einem anderen (unberührbaren) Feld. Achtung Allegorie!
Institutionen übernehmen diese Ideen und organisieren Workshops, Work-in-Progresses und machen den basisdemokratischen Klamauk mit, zu den sich die Erziehungsindustrie entwickelt hat, als sie ihr antiautoritäres und gewaltfreies Konzept flächendeckend einführte: die Umfragerelation, die Vermengung der Ästhetik auf den kleinsten Nenner. Natürlich wird damit auch eine Ästhetik übernommen, die auf die Kunst zugeschnitten ist, die vornehmlich von den aktuell jungen Studenten der Kunsthochschulen in der Schweiz produziert wird.

Aber wieso sind die Jungen so beliebt?

Junge Künstler tendieren doch dazu, Dinge und Vorgänge zu simplifizieren und für sich selbst zurecht zu drehen. Das haben sie gemein mit den anderen Jungs und Mädchen, die eine Berufslehre oder ein Studium absolvieren. Es war einst ein Vorteil der Jugend, verschwenderisch und kurzsichtig zu sein. Ausserhalb von Marktstrategien, die die Jugend gerne als mündig und kauffähig ansehen - ist das für die meisten Erziehungsberechtigten immer noch so. Dennoch ist ihre Lebenseinstellung äusserst beliebt und ihre Grundhaltung hat sich in der Gesellschaft eingenistet, durchsetzt strukturell den Alltag. Es ist ein Teil einer neuen Mythologie, die die Zusammenhänge des menschlichen Verhaltens verwischt (historisch gesehen eine logische Folge der Weltaneigungsgeschichte, die einst bei den vedischen Kulturen die Naturphänomene mythologisch in Bilder und Götter einpackte, während heute, nachdem der Mensch die Natur im Bereich der Atmossphäre unterworfen hat, die menschlichen Auswirkungen auf die Gemeinschaften als übernatürliche Phänomene eingestuft werden, anstatt sie als möglichen Teil eines fehlerhaften, menschengemachten Systems zu identifizieren). Je jünger sich die Gesellschaften geben, desto weniger Verantwortung wird ihnen zugestanden. Es ist ein Privileg geworden, zu konsumieren, dafür muss man nur gutausehend sein, jung und über genügend finanzielle Mittel verfügen. Zufällig alles Atribute, die durch ein systemkonformes Verhalten belohnt werden. Soziologen interpretieren das Verhalten kritisch, es ist eine Folge der Entsolidarisierung und der enthemmten Politik, eigennütziges Verhalten als individuelles Recht in ein redliches Licht zu stellen. Vor allem wenn sie als Doppelmoral daherkommt.
Und weshalb sollte der Kunstbetrachter an einer Kunst Interesse haben, die vor Doppelmoral trieft?
Die vorangehenden Vorgänge sollten aufzeigen, dass sich die Grenzen zwischen den Kunstproduzenten (Künstler) und den Produzenten der Kunstnachfrage (Betrachter) verwischen. Die jungen Künstler mit akademischen Hintergrund kommen aus der gleichen Gesellschaftsschicht wie die Betrachter und fordern die gleichen Lebensbedingungen ein. Dadurch verlieren sie aber die moralischen und ethische Distanz und müssen auch die politischen Strategien der Betrachter übernehmen.

Die aktuell politisch aktive Jugend (und alle die sich dazu zählen, aus Eitelkeit oder als Grenzfall) fordert jenes Recht ein, die sie den Anderen vorwerfen, den Eigennutz. Aus diesem Grund hat man einst die Kulturgeschichte erfunden. Um das Bewusstsein und die Erfahrung aller Generationen sichtbar zu machen. Der Überblick sollte weise Entscheidungen zu treffen möglich machen. Daraus folgert, dass es falsch ist, zeitgenössische Kunst mit der Gegenwart der Menschen direkt zu verbinden. Dieses Wechselspiel kann nicht funktionieren*.

Politisch korrekte Kunst zu fordern, ist deshalb nicht zielführend, wie es auch sinnfrei für einen Künstler ist, politisch korrekte Kunst herzustellen, ausser er paraphrasiert sich selber, um sich selbst also zu einer Allegorie zu machen.

Die Mainstream-Political-Ästhetik hat sich global durchgesetzt und wird auf den Messen und Biennalen fröhlich gefeiert, was dann - wie beim Flüchtlingsboot in Venedig - zynisch und lächerlich wirkt. Was auf der globalen Bühne durch hollywood'sche Professionalität locker und luftig wirken kann, verkommt in der Provinz und in den akademischen Amtstuben sehr schnell zu einem spiessigen Deutungsstreit. Dort fehlt es am leichten Umgang mit politischen Ideen, gibt es Spielverderber.

*Es würde hier zu weit führen, die Gründe darzulegen. Deshalb in aller Kürze ein Beispiel: Gegenwartskunst und zeitgenössische Kunst sind zwei Begriffe, die gut verdeutlichen, wie sich der zeitliche Gebrauch der Kunst in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Noch bis in die 1990er Jahre war es selbstverständlich, dass die Kunst sich mit Themen beschäftigt, die weit vor oder weit nach unserer Zeit liegen. Heute zerrt man die Kunst sprichwörtlich in die verengte Atmosphäre der aktuellen Generationen, in den Rythmus der digitalen Prozesse, der neuen Währung.

Es ist keine Heldentat, zu jener privilegierten Gruppe zu gehören, die es besser weiss – es ist ein Makel, zu diesen zu gehören, wenn sie andere dazu zwingt, anders zu sein, als sie es können.


3.b. Altersbeschränkungen


Ein gutes Beispiel für der Kunst nützliche Hysterien um soziale Gerechtigkeit ist die Aufhebung der Altersgrenze bei Projektbeiträgen, Preisvergaben und Stipendien. Die Generation von Kulturfunktionären, die diese Begrenzung auf höchstens 40 Jahre einst eingeführt haben, ist einsichtig geworden (oder einfach &auumllter), dass es beschämend ist, wie geachtete Künstler in Armut versinken, nur weil sie den modisch motivierten Ansprüchen nicht mehr genügen. Vielfalt bedeutet, nichts auszuschliessen solange die Qualität stimmt. Andererseits kann man beobachten, dass die Jungen sich nicht speziellhervor tun im Entwickeln von neuen Konzepten. Sie paraphrasieren viel und gern altes Zeugs oder frönen einem Post-Neo-Futurismus indem sie neue Grätschaften und Techniken einsetzen. So sieht man Kuratoren die gerne unterschiedliche Jahrgänge einander gegenüberstellen. Manche setzen sogar bewusst den materiell leichteren Kopien schwere Originale entgegen. Trotz dem Fall der Altersbeschränkung hat sich ansonsten noch nicht viel gebessert bei der Alters- und Stildiskriminierung. Während vormals einzelne Junge als Quoten in das künstlerische Establishment hineinwuchsen, sind es heute einzelne ältere Kunstschaffende, die unverhofft Lücken auf dem Markt füllen müssen.

Naiv bis fahrlässig verfahren hingegen Kommunen, die versuchen, soziale Muster der Gesellschaft in den Organisationsrahmen der Kunst zu übertragen und sie dort als Auswahlkriterien einzuführen. Gesundheitsdirektionen haben einstmals vor dem Jugendwahn gewarnt, den ältere Männer und Frauen betrieben und damit Körper wie Seele gefährden. Innerhalb der Kulturförderung – privat wie öffentlich – scheint dieser Jugendwahn regelrecht zu grassieren.
3.c. Ideologische Befreiung
Ein ganz wichtiges Thema ist die ideologische Befreiung der Diskussion um Kunst und ihre Förderung auf kommunaler Ebene. Der akademisch orientierte Diskurs – oder besser gesagt, die akademisch motivierten Fragestellungen – haben sich in der Stadt Zürich im Helmhaus wie in der Shedhalle durchgesetzt. Unabhängig davon, was man von der semantischen und rhetorischen Qualität halten mag, wird offensichtlich, dass zwei eigentlich in ihrem Selbstverständnis weit auseinanderliegenden Konzepte in der zentralen Ausrichtung deckungsgleich sind. Weshalb die Stadt Zürich sich den Luxus leistet, gleich beide Institutionen ähnlich auszurichten, während sie andererseits zugibt, dass es für andere zu wenig Raum und Repräsentationsmöglichkeiten gibt, ist fraglich.
3.c.1. Grossveranstaltungen
Anhand der Manifesta 2018 in Zürich lässt sich gut nachvollziehen, wie die mangelnde qualitative Auseinandersetzung mit der Bildenden Kunst vor allem zu kostspieligen und höchst undemokratischen und laienhaften Verfahren führt. Nur die Stadt Zürich selbst feiert die Manifesta 2018 als Erfolg auf ihren touristischen Plattformen. Die einstige Alternative hat ansonsten im hochpreisigen Zürich ihre Reputation an der Garderobe abgegeben. Ihr äusserst beliebiges Konzept und auf die Person des Kurators reduzierte ästhetische Ausrichtung hat die Nähe des zeitgenössischen Kuratierens (und ihre künstlerische Entourage) zu den Optimierungsstrategien von Austragungsorten und dem Schielen nach solventen Kulturtouristen (damals war Fliegen noch nicht böse) deutlich aufgezeigt. Schmerzlicher kann man eigentlich nicht erfahren, wie die Interessen der Stadt an der Kunst nur kommerzieller Natur sind und sich die einst integre Manifesta auf jeden Kuhhandel einlässt. Auch diese Erfahrung hätte im Leitbild durchaus Platz finden können, indem man auf solche Megaanlässe zugunsten lokalem Schaffen verzichtet.
Seit der Manifesta hat sich in der Zürcher Kunstszene auch ein Fatalismus entwickelt, der sich damit begnügt, am Rande solcher Veranstaltungen oder bei kulturellen Zwischennutzungen von Immobilien als kultureller Dienstleister aufzutreten. Sie werden für das Rahmenprogramm (Unterhaltung und hippe Gestaltung der Räume) entschädigt und andererseits fallen temporäre Jobs im gastgewerblichen Bereich an, sofern sich nicht findige Unternehmen mit Pauschalangeboten durchsetzen.

Immerhin ist nach Zürich internationale Kritik an der Manifesta laut geworden. Palermo, Marseille sowie Pristina sind die nächsten Destinationen. Das klingt nach einer sozialkitschigen Strategie, um die Sache wenigstens noch gut darstellen zu können. Hinsichtlich möglicher neuer Städte-Kanditaturen wird das so formuliert:

Die Manifesta betont die Bedeutung der Einbettung der Biennale in den lokalen Kontext, um sicherzustellen, dass das Projekt die kulturelle Infrastruktur und die Ökologie der Stadt stärkt und ein nachhaltiges Erbe hinterlässt. Um am offiziellen Auswahlverfahren teilzunehmen, formuliert der potenzielle Gastgeber ein sogenanntes "Gebot". Das Ausschreibungsverfahren soll Gelegenheit zu einem umfassenden Dialog und Wissensaustausch zwischen der Manifesta und dem Kandidaten bieten, um eine spannende und realisierbare Biennale für Stakeholder und Besucher zu schaffen.
Quelle: https://manifesta.org/biennials/candidacy/
Nachhaltig war die Manifesta höchsten für die Stakeholder aus der Wirtschaft. Die künstlerischen Beiträge sind heute selbst im Web nicht mehr auffindbar.