NEUE KUNSTHALLE/Amrain

Kunstformen [sollten] ihre kritische Funktion in der Gesellschaft beibehalten - »eine Intelligenz sich selbst entdecken zu lassen« (Rancière 2009)



Zürich zu klein.

Wie ein toter Walfisch liegt die Bildende Kunst am Limmatquai. Einst ein Ort den Stephan Eicher mit einer Utopie verband. Ein Festschmauss für jene, die den üblen Geruch nicht scheuen oder es nicht bessser kennen.

Wäre dies das Fazit, so wäre die Lage aussichtslos, wie die Möglichkeit der demokratischen Masse sich selbst wahrzunehmen und daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. Dabei spielt es keine Rolle wie gross die Masse ist. Viel wichtiger scheint der Umstand, dass die Masse sich gerne treiben lässt.

Der Ansatz, den der Abschlussbericht des Projekts NKZ/Amrain 2020 verfolgt, unterscheidet sich von seinen Vorgängern selbstverständlich dadurch, dass er eine neue Perspektive entwirft. Diese neue Sichtweise entstand, weil die Bildenden Künste auf dem gesellschaftlichen Parkett bedeutungslos geworden sind. Die Toleranz der Politik und der Wirtschaft gegenüber der Kunst war immer schon nur ein Schatten von dem Gepluster zu dem sich manch geschmeichelter Künstler oder Künstlerin hat hinreissen lassen. Viele der Nutznieser - Produzenten wie Händler oder Förderer - meiden heute die verlotterten Bühnen von gemeinnützig operierenden Museen und wechseln ungeniert zum okkupieren öffentlicher Einrichtungen für ihre Zwecke. Sie bilden Luftschlösser für ihre Nischen, um der Bedeutuungslosigkeit zu entkommen, die sie verursachen.

Und das ist exakt die Situation, die Zürich braucht, um die historische Chance für einen neuen Anfang in der Kulturföderung zu nutzen. Erst in der Abgeschiedenheit prägen die lokalen KünstlerInnen das kulturelle Erscheinungsbild dieser Stadt. Und gerade dort ist der Erfolg abzulesen, den die städtische (und teilweise kantonale) Kulturförderung für sich verbuchen könnte. Die Stadt Zürich sieht sich zwar nicht nur als Kontroll- oder Umsetzungsbehörde, aber die Kompetenzen, den übergeordneten grossen Spannungsbogen im Auge zu behalten, hat sie nicht.
Liberalismus nach Rawls: Jede Person hat den gleichen unabdingbaren Anspruch auf ein völlig adäquates System gleicher Grundfreiheiten, das mit demselben System von Freiheiten für alle vereinbar ist. b) Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen zwei Bedingungen erfüllen: erstens müssen sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die unter Bedingungen fairer Chancengleichheit allen offenstehen; und zweitens müssen sie den am wenigsten begünstigten Angehörigen der Gesellschaft den größten Vorteil bringen (Differenzprinzip).“

Quelle: John Rawls: Justice as Fairness: A Restatement (2001), §13[14], Wikipedia, siehe auch: www.youtube.com/Michael Reder



Die Narration der Weltinnenpolitik (Habermas) ist eigentlich die zentrale Hemisphäre menschlicher Entwicklung (Sloterdijk), der aus Kinder erwachsene Männer und Frauen macht. Seit dem Auftritt des homo sapiens auf der Weltbühne oder nach Kant mit der "Offenbarung einer Intelligenz, die sich verkannte oder vernachlässigte" (ebd), gibt es nur ein kurzes Innehalten, kein Stillstand oder gar eine Umkehr in einen vorlibertäre Zeit, wie z.B. man anhand des neuen zürcherischen Kulturleitbilds meinen könnte.

Alexander Solzhenitsyn käme heute ins Grübeln, wenn eine Gesellschaft, die als Frei gilt, ihre höchsten Ideale an ihre niedrigsten bindet.