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Christoph Rütimann

Pavillon-Skulptur-Cube-Nagel-Haus (eine Einigelung)

Unter der Federführung des Tages-Anzeigers brach vor 33 Jahren eine Polemik über den Max-Bill-Pavillon an der Bahnhofstrasse in Zürich herein. In der öffentlichkeit kamen ob des Werks des Zürcher Konkreten überraschend viele Ressentiments gegenüber der Nachmoderne auf. Der Amerikaner Sol leWitt erlebte 2 Jahre später, wie sich ein zwinglianischer Geist durchsetzen kann. über die äussere Erscheinung seines Cubes lässt sich sicherlich streiten – über den intendierten Inhalt, den eigentlichen Gegenstand des Kunstwerkes, gibt es heute wie damals keine Zweifel. Die Verlegenheit der Stadt, die Qualitäten der Kunst nicht zu verteidigen, zieht sich bis heute durch. Nicht-temporäre und öffentlich finanzierte Kunstprojekte wurden seit damals in Zürich beinahe keine mehr realisiert. Das Projekt Nagelhaus beim Escher-Wyss-Platz – basierend auf dem Beispiel aus China – wurde zumindest lautstark begraben. Bis dahin hatte sich die Situation für die Kunst im öffentlichen Raum, wie auch für die Kunst am Bau, grundlegend verändert. Es gab eine Zeit, da fühlten sich Mäzene und Politiker weltmännisch, wenn sie die Zitate öffentlich rezipierten, die sie tags vorher bei einer Vorstandssitzung oder privaten Führung ihres Museums gehört hatten. Innerhalb von zwei Dekaden wurde diese Haltung umgedreht. Was als Eigensinn anfing, kehrte sich – u. a. durch die Ausweitung des künstlerischen Tätigkeitsfelds auf die Peripheriefläche der Naturwissenschaften – in eine Aufklärungsrenaissance, die in den Museen gesellschaftliche Themen ansprach, die draussen vor der Tür von der bürgerlichen Presse nicht aufgenommen wurden. Die gleichen Mächte, die Informationen für ihre Interessen lenkten, fühlten sich als Vorstände durch linke Propaganda missbraucht und verloren rasch den Humor und den Sinn der Kunst. Das zeigt sich heute darin, dass Museen Schwierigkeiten haben, neue Mäzene zu finden, die neben einem unabhängigen Geist auch unabhängiges Geld besitzen. Diese Schwäche nutzen gut dotierte Galerien und der Markt dazu aus, um die Führungsrolle zu übernehmen und das humanistische Ideal des Bürgertums mit der Willkür der kurzfristigen Kapitalanlage zu ersetzen. Der Status als öffentliche Skulptur kam für das mittlerweile abgebrochenen Nagelhaus II an der Turbinenstrasse 12/14 durch Zufall: durch die städtebaulich seltene Konstellation von viel neuer, dynamischer Bautätigkeit und wenig alter Bausubstanz auf kleinem Raum. Auch befindet sich in der Nähe des heruntergekommenen Wohnblocks das 5-Sterne-Hotel Renaissance. Der Kontrast war augenfällig, wie auch die Antwort Resistance an der Fassade des Blocks. Das Nagelhaus II war das Zürcher Symbol der Gentrifizierung: Demokratie vs. Hedgefonds. Nostalgisch gefärbt wegen dem Verschwinden der Industrieanlagen und günstigem Wohnraum, konsterniert wegen der legalen Bereicherung von Investoren auf Kosten alternativer Lebensformen. Die Beispiele Pavillon/Cube/Nagel/Haus weisen eine Gemeinsamkeit auf: Sie erzählen vom konfusen Umstand, dass der öffentliche Kunstdiskurs nur mehr ein Stellvertreterkrieg ist, wo sich der aufgestaute Groll zwischen den Bevölkerungsgruppen entlädt. Schamlos nur über die eigenen Ansichten reden, und sich einen Deut um das eigentliche Thema scheren, nennt man in Zukunft vielleicht Trumpose. Echte Empathie vs. kokettierte Betroffenheit und das übermass an Eigenliebe statt Solidarität sind aktuell gewordene Bedeutungsverluste, die schwer wiegen, vor allem für jene Menschen oder Dinge, die sich nicht wehren können und nicht gehört werden. Dazu zählt auch die Sprache des Dreidimensionalen. Zürich kann es sich offenbar leisten, auf Kunstwerke zu verzichten, die das Feingefühl und die Wachheit unter die Bewohnern bringt, die für den sozialen Zusammenhalt und für die kulturelle Entwicklung ausserhalb der elektronischen Welt existentiell sind. Die Skulptur ist verwandt mit den steinernen Schrifttafeln aus der Vorzeit und sie funktioniert vielfältig anachronistischer als moderne digitale Werbetafeln, die alle paar Minuten die Botschaft wechseln. Die Skulptur ist auf Augenhöhe mit dem Homo sapiens, sie ist ein Ansprechpartner, ein Therapeut, der immer da ist. Das Verhalten der öffentlichkeit gegenüber der sinnlichen Erscheinung der skulpturalen Kunst im öffentlichen Raum scheint den entgegengesetzten Weg zu nehmen, lieber grölt man wieder mal in dunklen Ecken. In dieser Konstellation steht bei jeder Setzung oder Entwurfs eines Denkmals der Bildhauer erstmal im Regen. Das Einigeln (Rütimann) kann auch als eine Art Notwehr gewertet werden, die die unausgewogenen Verhandlungspositionen verdeutlicht. Don Quijote würde heute vermutlich behaupten, dass es die wahnsinnigen Mühlen sind, die die Ritter bedrängen, nicht umgekehrt. Saalblatt NKZ 2016.10.7

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