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PCE 0416 Ein Denkmal für einen Behälter

Jso Maeder 2016

Der Mainstream ist wie ein neurotisches Huhn im engen Stall, das seinem eigenen Spiegelbild gefallen will. Man könnte darüber lachen, oder man kann darüber nachdenken, dass die Selbstbeharrlichkeit die Antriebskraft für fast jede Tätigkeit ist. Das ist beim Individuum so und bei einer Gesellschaft nicht anders. Die Grenze zu ziehen, wo das Eigene beginnt - also die eigene Leistung oder das Können liegt - das ist nicht nur im Bereich der Poesie und Kunst manchmal schwierig zu erkennen. Die ökonomisch relevante Zone für die Kunstkarriere, wie Kunstinstitutionen und -kaufhäuser, gerät durch die in der Natur der Sache liegende Günstlingswirtschaft immer wieder in die Schräglage. Wäre ihre Absichten generell wirklich redlich, könnte sich die Naivität und Dummheit so nicht durchsetzen. Aber sind Hühner überhaupt dumm?

Es ist also Zeit für Jso Maeder, dem denkwürdigen Vorgang ein Denkmal zu setzen und etwas Licht auf die dunklen Stellen zu werfen. Die meisten Denkmäler setzen einen Sockel voraus auf dem eine gesellschaftlich bedeutende Figur oder ein Ereignis auf Augen- oder überhöhe platziert ist. Ein Monument für die Erinnerung an Heldentaten oder grossen Persönlichkeiten. Wenn man beobachtet, wie neuerdings die Büsten in dunklen Ecken von Parkanlagen oder Depots verbannt werden, ist von dieser Bildungsmassnahme nicht mehr viel übrig geblieben. Der Effizienz-Schub in den Behörden gab den Reinigungsmaschinen Vortritt, kontra der Kunst für die Bürger auf dem Trottoir. Diese Effizienz-Idee unterliegt der Annahme, dass die direkte und vereinheitlichte Handlung innerhalb einer Disziplin zu besseren Resultaten führen muss. Doch selbst Hühner fühlen, dass der Zaun um ihr Gehege, zwielichtig ist.

Die Arbeit von JM für die NKZ verfügt über verschiedene Stil-Ebenen, die miteinander korrespondieren und sich ergänzen. Die konkrete rhomboide Form der Mulde, die gekreuzigte Sockelkonstruktion (die Sünder), der Wurf von Streben und Krimskram im Ausspuckentfernungsradius. Sein Spiel mit der Statik neigt das Denkmal in ein Ungleichgewicht der Kräfte, lässt es leicht schweben. Ein weiteres Element ist eine vor der Mulde hängende Rolle aus Holzstäben, die mit Plastikfolie zusammengehalten wird. Jeder klassische oder moderne Kunststil hat sein eigenes Vokabular entwickelt, seine eigenen Kontraste durch kompositorische Regeln und Materialbehandlung angelegt. Die Künstlerinnen des jeweiligen Stiles halten sich mehr oder weniger instinktiv immer noch an diese Vorgaben, da auch der Künstler meist in der Seele konservativ denkt. Für JM sind solche Eingrenzungen nur künstliche Konstrukte, die durch lustfeindliche Berufsfelder in das System Kunst infiltriert werden. Man wollte die Kunst katalogisieren, um sie zu besprechen und bewerten zu können. Der Behälter selbst, die Mulde, die dafür eingesetzt wird den Dreck / das Unbrauchbare wegzuschaffen, ist nur der formale Aspekt einer Wegschaffung / Ausschaffung aus der Zone, wo das Transportgut / der Inhalt nicht mehr benötigt oder nicht mehr gesehen werden will. Die ästhetisch alles durchbrechende Linie aus Papier mit dem Motiv des Reiters, ist ein ästhetischer Kontrapunkt, eine Bruchstelle in der Erzählform sowie in der Art der Behandlung und Verwendung von Materialien. Würde Popey mitten in einer katholischen Messe auftauchen, wäre dies für die Besucher ein unüberbrückbarer Kontrast, den sie nicht in eine homogene Gestalt bringen könnten. Es ist eine verstiegene Geste, die JM da provoziert, ganz an der Grenze zum guten Geschmack oder schon im Schmelzbereich der inneren Explosionen. Das Schaustück, oder das Verhältnis das JM zur Aufführung bringen will, spielt in den Reihen jener, die die grossen Hebel in den Händen halten. Seit Gründung der modernen Gesellschaften heucheln diese Verständnis und Einsicht für die künstlerischen Bestrebungen, um das Leben menschlicher zu gestalten und um dieses Leben auch zu schützen.
Wie kann man diesen kolossalen Betrug in ein Objekt fassen? Wie die Grösse unseren Selbstbetrugs in Massen messen? Es ist unansehnlich! Unerträglich wäre es, würde man diese Dimensionen finden und diese Emotionen empfinden. Eine höhere Ästhetik umgibt diese Arbeit von Jso Maeder. Eine doppelzüngige Schönheit, die es schafft, dass wir Hühner uns nicht zu wohl fühlen in unserer Landschaft der Angst.
NKZ P05 / März 2016