Muriel Baumgartner

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Die Suche nach der effizienten Stadtplanung ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen. Die Interessen der Mitspieler (Anwohner, Gewerbe, usw.) sind zu unterschiedlich gelagert, die Ästetik des Bestehenden zu wenig verhandelbar. Vorab in den Städten, wo sich Arbeitsplätze ballen und der Bedarf nach Wohnungen sehr hoch ist (30'000 Anrufe für eine städtische 2,5 Zimmer-Wohnung!), sieht man (Planungsamt) in Hochhäusern die Möglichkeit mehr Raum zu schaffen. Historisch betrachtet ist es ein schlechter Scherz, das die hiesigen genossenschaftlichen Siedlungen aus den 1920iger, die Plattensiedlungen der Oststaaten (oder hyper Neo-Werkbund-Anlagen), die im Raster angelegten Quartiere - sind heute Banlieus und wohl eine der Achillesfersen des aktuellen Liberalismus. Hier im Westen Zürichs versucht die Raumplanung in die bestehenden - mehr zufällig gewachsenen - Strassenverläufe, ein gradliniges und effizientes Strassensystem durchzusetzen. Die Analyse der visuellen und gestalterischen Sichtweise auf die Linien und Flächen, kann den wirklichen Gegebenheiten und Ursachen natürlich nicht gerecht werden. Die Entwicklung von dem mäanderten Agglomerationsplanung hin zu gradliniger Strassenführungen sowie auch die Gestaltung der Fassaden von mehrheitlich ebenso klarer Prägung, stellt nur vermeintlich der Gegensatz zu der Vielfalt individualistischer Planung, wie sie z.B. im Appenzell in der Streusiedlung zu finden ist. Muriel Baumgartner verwendet in ihrer künstlerischen Arbeit für die NKZ die Auflösung der orthogonalen Rasters als Prozess, das visuelle Abbild des Trocknungsvorgangs von sandigen Böden, das ein natürlichen willkürliches Raster aufweist, als Metapher. Der Verlauf der Linien, Klüfte und die ausgefransten Ränder - der meist tonhaltigen Erde - erinnert an Bilder aus der Luft von Metropolen oder mittelalterlichen Kleinstädten, Slums, u.s.w., je nach Flughöhe des Betrachters. In dieser trocknen Metapher herrscht ein beachtliches Gedränge, von teils sehr unterschiedlicher Ansichten und Vorgänge, die typisch sind für das Zeitalter der Ernüchterung, den Kollaps des politischen Systems vor Augen. Die begrenzten Ressourcen des bebaubaren Landes, die Nachfrage nach modernen Wohn- und Arbeitsplätzen und die wachsende Mobilität decken sich mit den Interessen der neuen energetischen Baukultur. Die Sauberkeit im Badezimmer ist nicht saubere Energie,aber die Säuberungswelle reicht bis zu den Arbeitsplätzen, wo Transparenz und übersichtlichkeit herrscht, in die Schulgarderoben, wo die Hausschuhe desinfiziert werden. Diese Strebsamkeit nach vermeintlicher Vereinheitlichung und Gleichmacherei zieht sich durch die alle Schichten und Gebiete unseres Alltags, und ist eine dieser grossen Bewegungen die Gesellschaften immer wieder in die Katastrophe führen, aber auch hin zu Brüchen die Erneuerung und Auffrischung versprechen. Georg Bataille beschreibt folgenden Vorgang - im grossen Zeh 1970, der Mensch erhebt aus dem Schlamm, er richtet sich auf und verirrt sich in den Wolken. Er benennt die getrocknete Fassungen von Schlamm als formlos, da sie, wie die Spucke, zwar aus dem Menschen kommt und von ihm erkannt wird, ihre Form aber nicht vom ihm (Mensch) bestimmt wird. In den philosophischen Märchenjargon der damaligen Zeit passt das hinein. Tatsächlich ist der Lehm aber eines der ersten Materialien der Kunst, wie die aus Ton gestaltete Vasen und Töpfe der Vorzeit. Muriel Baumgartner schafft nun ein Abbild eines getrockneten Tonfeldes für den ästhetik-Streit mit dem horizontal und vertikal ausgerichteten Baukörpern in der Umgebung der NKZ. Bei dieser Architektur steht die Effizienz und ökonomie im Vordergrund, sie sind also nicht gestaltet, sondern nur gebaut. Formlos bedeutet in diesem Fall auch Inhaltslos. Aus der Position des Realisten gesprochen, bedeutet dies, dass die Formlosigkeit auch Einfach bis Zurückgeblieben ist, oder neudeutsch: sie ist entwickelbar.