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Titel: Züri-Gschnetzletes



Wenn riesige Maschinen aus Stahl in den Wald fahren,um dort Holz zu schlagen und dieses mit ebenso eindrücklichen Transportern ins Sägewerk zu verlagern: dann berührt Zürich West eine fremdgewordene anachronistische Arbeitswelt. Andere erninnert es an Harz und Torf in der Nase und feuchte Tage im Wald, an Motorsägengeraüsche in der Ferne. Im Sägewerk werden die Stämme auf Brett- oder Stangenmasse zugeschnitten und nach Qualität sortiert. In der Holzverarbeitungsindustrie entsteht aus dem qualitativ schlechten Rohschnittmaterial dann Bauhilfsmaterial, wie etwa Verschalungen. Der wichtigste organische Baustoff der Biologie wird zum Bauhilfsmaterial umfunktioniert. Einem nur temporär aktiven Part in der aktuellen Bau-Treib-Preis-Sphäre, die Stein und Zement, Stahl und Glas bevorzugt. Die nicht mehr verwendbaren Teile werden für die Gewinnung von Energie benutzt. Das organische Material wird in diesem Vorgang zu Energie umgewandelt. Seinen ursprüngliche Bestimmung als Zellulose und Bau-Teil eines Baumes oder Pflanze wird ausgelöscht. Nun entscheidet der Mensch, was aus der Materie wieder geboren wird. Ebenso verfahren nun die beiden Künstler, die in einem künstlerischen minimalistischen Akt, das Bauhilfsmaterial zerschreddern liessen. Mithilfe einer grossen stählernen Maschine setzten sie neue Elemente zusammen, transferierten das organische Material in den Dunstkreis der Untoten, an den Rand des Lebendigen: an die Grenzen der Klassischen Wissenschaften. Wie die Natur ist die Kultur ein Puzzle-Teil der antropozentrischen Weltsicht und Teil des Betriebssystems der Welt, das immer deutlicher durch die menschlichen Wirkung gesteuert wird. Während uns die Natur als Energie- und Nahrungsquelle dient, liefert die Kultur Knautschmaterial für die Reibungsflächen und Stolper-Konstrukte der zwischenmenschlichen Dimension. Ihre Herkunft aus biologischer Sicht, manifestiert sich in einer Reihe von logischen Abläufen: aus genetischer Veranlagung wird Instinkt, aus Instinkt Geist und aus Erkenntnis Vernunft. Der Alt-Holz-Haufen präsentiert sich nach dem Eingriff der Künstler als geometrische Form, als Zylinder, bestehend aus organischen Fransen und ähnlichem. Es ist kein Akt der Zerstörung! Vielmehr ist es eine Befreiung von Energie. Wo man den Verlust an Form beklagt, stellen sich auch Gewinne an Beweglichkeit ein. Aus dem Bauhilfsmaterial sind jetzt ca. eine Million fasrige Teile geworden, die in einer eigenen Ordnung als Referenzen innerhalb des Bezugsrahmens Kunst, übereinanderliegen. Diese neuen 1 Millionen Mitspieler werden in den nächsten Tagen und Monaten vielleicht individuell auf eine Reise im Quartier aufbrechen, sich untereinander neu gruppieren und dem Zufall folgend, sich zusammenkleben, im Frühling wohl mit Kleingrün bewachsen werden. Sie werden die Brache und ihre Umgebung ästhetisch verändern. Sie werden den Strassenwischer und Anwohnern subversive Vorträge über Kunst und das Fremde halten und diese ärgern, amüsieren und irritieren. Sie werden eine Weile Teil des kulturellen Spektrums dieser Stadt sein. Vielleicht finden sie irgendwann einen Weg (einen stillen Ort), um wieder in den organischen Prozess eingegliedert zu werden. Führt man sich diese Vorgänge kurz nochmals vor Augen: die Welt, der Wald die riesigen Maschinen, Beton- und Glaslandschaften, das zerfleddern und auslöschen der Biografien organischen Materials, bis hin zum Bewusstseinswerdung der Einheit Zellulose und ihre schauspielerischen Fähigkeit auf der Bühne der Kultur. Es hat etwas Brutales, wie die Dinge zueinander gestellt und durcheinander gewirbelt werden.

Gedankenpause

Der Minimalismus strebte nach Objektivität und schematischer Klarheit. Seine Streiter suchten nach ( meist erstaunlich einfacher) Logik (Regeln/Moral) und Entpersönlichung (für das Volk - nicht dagegen!). Die beiden Künstler Wink Witholt und Heiko Blankenstein haben sich für die Strenge einer konzeptuellen und minimalistischen Geste entschieden. Sie haben eine entpersönlichte Strategie gewählt, in der keine physisch sichtbare persönliche Handschrift anklingt - als Annäherung des Holzhaufens an ein Betriebssystems der Neuen Kunsthalle. Eine Faser hat natürlich keine Persönlichkeit. Ein 1-million-teilger Faserhaufen ist auch keine Rudelbildung. Nur durch die künstlerische Transformation in ein kulturelles Fragment wird aus plumper Energie und einfachem Zellstoffmaterial ein Diskussionspartner auf Augenhöhe. Bei kleinteiligen Dingen stellt sich beim Betrachter allgemein ein Jöh-Effekt ein. Ein Million subversive Kleinkinder bilden ein sehr komplexes und freundliches Betriebssystem ab; eine überdimensionierte instabile Zipfelmütze wandert durch Zürich West, mittig auf seiner Stirn geschrieben: Züri Geschnetzeltes. Cedric Mineur 2015